Irina von deinleinen.de lädt in ihrer großartigen Blogparade ein, den eigenen Wohnschatz vorzustellen. Und ich stelle fest: Mein Lieblingsstück war immer schon da. Es wurde nie gekauft, nie bewusst ausgewählt. Es war einfach da – und ist doch alles andere als selbstverständlich.
Das Gesicht, das mich mein Leben lang begleitet
In unserem Schlafzimmer hängt ein Medusenhaupt. Ein schweres Stück geschmiedetes Eisen entstanden im Jahr 1896. Mein Urgroßvater Wilhelm Wittenberg war Kunstschmied. Und dieses Werk stammt aus seinen Händen. Ich bin mit diesem Gesicht groß geworden. Es hing im Elternhaus – an wechselnden Wänden, aber immer in Blickweite.
Schon als Kind war ich fasziniert. Ich habe dieses Gesicht angesehen, bestaunt, mich manchmal auch ein bisschen gegruselt, wenn ich in die leeren Augen geschaut habe. Dennoch, es war schön. Geheimnisvoll und streng. Ich habe mich gefragt, warum die Augen blind sind. Über die Medusa und ihre Geschichte wurde nicht gesprochen, das Medusenhaupt war einfach immer da.
Ein Kunstwerk mit Familiengeschichte
Heute weiß ich, was ich damals nicht wissen konnte. Dass dieses Gesicht dem Jugendstil zugeordnet werden kann – mit seinen organischen Formen, der dynamischen Linie, der Verbindung von Kunst und Handwerk. Ich weiß auch, was es bedeutet, ein solches Stück in der Familie zu haben. Nicht nur als Objekt, sondern als Spur. Als Erbe. Als Teil einer lebendigen Familiengeschichte, als Symbol für Beständigkeit über Generationen hinweg.
Nach dem Tod meiner Eltern kam das Medusenhaupt zu mir und es ist genau der Gegenstand bei uns zu Hause, auf den ich niemals verzichten möchte. Jetzt hängt es bei uns im Schlafzimmer, mit dem Blick zur Tür, mit dem Blick, der das Böse abwenden soll, so ein Aspekt der Mythologie.
Die Geschichte, die niemand erzählt hat
Die Geschichte der Medusa verdient es, auch hier noch einmal erzählt zu werden. Medusa war keine Monsterfigur. Ursprünglich war sie eine Frau, Priesterin im Tempel der Athene. Dann wurde sie von Poseidon vergewaltigt. Und anstatt den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, bestrafte Athene das Opfer. Medusa wurde zur Gorgone gemacht – mit Schlangenhaaren und einem tödlichen Blick. Wer sie ansah, versteinert.
Dieser Mythos ist schwer zu ertragen. Und noch schwerer zu durchschauen. Denn selbst in seiner folgenden, sogenannten „positiven Wendung“ steckt Gewalt. Perseus enthauptet sie im Schlaf – und aus ihrem toten Körper entstehen das geflügelte Pferd Pegasus und der Riese Chrysaor. Es wird erzählt, als sei das etwas Tröstliches: Aus ihrem Tod entsteht Leben. Aber ich finde das nicht tröstlich. Ich finde das zynisch.
Es reduziert Medusa auf das, was man Frauen seit Jahrhunderten zuschreibt – zu gebären, selbst im Sterben. Als sei das ihre Aufgabe. Als sei sie nur dann „wertvoll“, wenn sie anderen nützt.
Auch die Geschichte, dass ihr abgetrennter Kopf später von Athene als Schutzschild getragen wurde, lässt mich nicht milder denken. Sie wird nicht geehrt. Sie wird benutzt. Ihre Kraft, selbst nach ihrem gewaltsamen Tod, dient anderen. Ihre Geschichte bleibt verschwunden.
Ein Erbstück, das nicht schweigt
Mein Medusenhaupt ist kein Deko-Objekt. Es ist ein Erbstück, das sich mir aufgedrängt hat. Nicht durch seine Geschichte, die kannte ich lange nicht, sondern durch seine Präsenz. Es erzählt keine einfache Botschaft. Es rührt auf. Es widerspricht. Es bleibt.
Mit dem Wissen um die mythologische Figur, wird es nicht leichter. Ich liebe es nicht trotz, sondern wegen der Widersprüche. Es steht für eine Frau, die erst schön war, dann bestraft, dann zerstört, dann ausgenutzt. Und heute, in meinem Schlafzimmer, ist sie endlich nur eins: da. Und ich finde sie auch heute noch wild und schön.
Mein Medusenhaupt ist ein Stück Herkunft, das keine heile Welt zeigt. Es ist unbequem. Es verlangt Hinsehen. Es lässt sich nicht auflösen in einer netten Geschichte.
Was das mit meiner Arbeit zu tun hat?
Mehr, als ich lange dachte. Denn auch in meiner Arbeit geht es oft um das, was nicht erzählt wurde. Um Geschichten, die unter der Oberfläche wirken. Um Stimmen, die verstummt sind, aus Angst, aus Anpassung, aus alten Verletzungen. Medusa ist für mich inzwischen mehr als eine mythologische Figur. Sie steht für das, was viele Menschen mit sich herumtragen: das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Oder schlimmer; falsch gesehen zu werden. In meinen Coachings und in der Hypnose versuche ich, genau dafür Raum zu schaffen. Nicht, um zu reparieren, sondern um zuzuhören, zu sehen und zu erkennen. Und vielleicht genau dadurch etwas zu lösen.
Liebe Claudia, hab vielen Dank für deinen Artikel zu deinem Wohnschatz! Die Geschichte der Medusa unter diesem Aspekt zu betrachten ist mir neu, danke für das Gedankenfutter. Wir sollten immer, uns erzählte oder überlieferte Geschichten hinterfragen und von Zeit zu Zeit neu betrachten.
In einem gebe ich dir aber sehr recht – sie ist wunderschön – dein Urgroßvater war ein großer Künstler!
Liebe Grüße
Irina
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