Vierhaar-Figur mit Händen in den Hüften, die ein Blatt mit dem Wort „MUSS!“ in der Mitte aufreißt.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade von Silke Geissen mit dem großartigen Titel „Einen Scheiß muss ich!“. Schon dieser Titel öffnet etwas. Er ist nicht fein abgewogen, nicht höflich und nicht darauf bedacht, sämtliche Einwände gleich mitzuliefern. Er ist ein Befreiungsschlag. Ein rotziges Abwenden von all den Erwartungen, Gewohnheiten und inneren Stimmen, die behaupten, es gäbe nur diesen einen Weg.

Bei mir hat Silkes Aufruf außerdem eine sehr alte Erinnerung hervorgeholt. In meinem Poesiealbum steht ein Spruch, den mir meine Tante Gerda am 21. Oktober 1976 hineingeschrieben hat:

„Drängt dich in deiner Brust
das harte Wort: Du musst,
dann macht nur eins dich still,
das stolze Wort: Ich will!“

Fast fünfzig Jahre lang hatte ich den Spruch allerdings ein wenig anders im Kopf:

„Drängt dich in deiner Brust das harte Wort: Du musst, mach daraus stolz und still das schöne Wort: Ich will.“

Offenbar hat mein Gedächtnis über die Jahre daran weitergeschrieben. Und ehrlich gesagt gefällt mir meine erinnerte Fassung fast noch besser. Sie beschreibt eine Bewegung: weg von dem harten Wort „Du musst“ und hin zu einem eigenen Wollen. Allerdings ist es nicht ganz so einfach. Man kann nicht aus jedem Müssen ein Wollen machen. Manches muss ich tun, obwohl ich es nicht tun will. Und auch das ist völlig in Ordnung.

Einen Scheiß muss ich. Aber manches will ich trotzdem.

Ich mag diesen Satz, weil er zunächst einmal keine Einschränkung macht. Er fordert mich nicht auf, jedes Muss sofort vernünftig zu analysieren, mögliche Konsequenzen abzuwägen und anschließend verantwortungsbewusst weiterzufunktionieren. Er sagt erst einmal: Stopp. Raus aus dem Korsett. Luft holen.

Müssen muss ich erst einmal gar nichts.

In diesem Satz steckt eine große Freiheit. Für einen Moment darf ich mich aus dem Zwang herausnehmen. Ich muss nicht sofort reagieren, mich kümmern, mich erklären, mich verbessern, mich anpassen oder an mir arbeiten. Ich darf mich abwenden von all den Dingen, die sich längst wie unumstößliche Pflichten anfühlen.

Erst danach kann ich mich wieder umdrehen und genauer hinsehen. Vielleicht stelle ich dann fest: Das möchte ich tatsächlich tun. Dieser Mensch ist mir wichtig. Diese Aufgabe habe ich übernommen. Für dieses Ergebnis bin ich bereit, etwas Unbequemes auf mich zu nehmen. Oder ich merke: Nein, das ist überhaupt nicht meine Verantwortung. Das mache ich nur, weil ich glaube, dass es von mir erwartet wird.

Vielleicht entscheide ich mich am Ende sogar für genau dasselbe wie vorher. Aber zwischen „Ich muss“ und „Ich will“ liegt ein entscheidender Unterschied. Das eine lässt mir scheinbar keine Wahl. Das andere gibt mir meine Entscheidung zurück.

Wie oft sagst du eigentlich „Ich muss“?

In meinen Coachings werde ich hellhörig, wenn Menschen auffallend häufig das Wort „müssen“ benutzen. Ich muss an mir arbeiten. Ich muss mich mehr kümmern. Ich muss endlich wissen, was ich will. Ich muss mich zusammenreißen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Dann rege ich gern ein kleines Experiment an. Die Menschen im eigenen Umfeld dürfen eine Zeit lang mitzählen, wie oft das Wort „muss“ fällt. Für jedes Muss gibt es einen Strich auf einem Zettel oder 20 Cent für die Müssen-muss-Kasse. Besonders gut funktioniert das mit Kindern. Sie hören sehr aufmerksam hin, haben Freude an der Aufgabe und lassen kaum ein Muss unbemerkt durchgehen.

Es geht dabei zunächst nicht darum, das Wort zu verbieten oder jeden Satz sofort umzuschreiben. Es geht um Wahrnehmung. Viele Menschen merken erst durch diese Übung, wie oft sie sich allein durch ihre Sprache unter Druck setzen. Ein Termin wird zum Zwang. Eine Entscheidung wird zur Pflicht. Eine Gewohnheit wird zu einem scheinbar unveränderlichen Gesetz.

„Ich muss heute noch einkaufen“ klingt anders als „Ich möchte heute noch einkaufen, damit ich morgen alles im Haus habe.“ Vielleicht habe ich trotzdem keine Lust darauf. Aber der zweite Satz macht sichtbar, warum ich es tue. „Ich muss mich kümmern“ klingt anders als „Ich möchte mich kümmern, aber ich muss nicht alles allein übernehmen.“ Und „Ich muss an mir arbeiten“ darf vielleicht sogar ganz verschwinden. Ich bin schließlich kein marodes Gebäude.

Mein eigener kleiner Stopp

Auch ich habe mir angewöhnt, kurz innezuhalten, wenn ich mich „Ich muss“ sagen höre; ein kleiner innerer Stopp. Muss ich das jetzt wirklich?

Manchmal lautet die Antwort eindeutig Ja. Es gibt Verpflichtungen, Fristen, körperliche Grenzen und Entscheidungen, deren Folgen sich nicht wegformulieren lassen. Ich muss diese Dinge deshalb aber noch lange nicht mögen. Auch das gehört zur Freiheit: Ich darf etwas widerwillig tun, ohne es mir schönreden zu müssen.

Oft zeigt sich in diesem kurzen Stopp jedoch, dass noch andere Formulierungen möglich sind. Ich will. Ich möchte. Ich entscheide mich. Ich erlaube mir. Oder auch: Ich will das Ergebnis, aber nicht den Weg, der bisher dafür vorgesehen war. Vielleicht gibt es einen anderen.

„Ich erlaube mir“ ist dabei noch einmal etwas anderes als „Ich will“. Es öffnet eine Tür, die vorher vielleicht gar nicht sichtbar war. Ich erlaube mir, später zu antworten. Ich erlaube mir, eine Einladung abzulehnen. Ich erlaube mir, nicht alles zu lösen. Ich erlaube mir, meine Meinung zu ändern.

Nicht jedes dieser Worte passt in jeder Situation. Sie sind keine sprachlichen Pflaster, die aus einer ungeliebten Pflicht plötzlich eine Freude machen. Aber sie lockern das Korsett. Sie schaffen Luft zwischen mir und dem vermeintlichen Zwang. Und in dieser Luft kann wieder eine Entscheidung entstehen.

Das Muss darf überprüft werden

Hinter jedem Muss steckt eine Möglichkeit. Nicht immer die Möglichkeit, etwas einfach nicht zu tun. Aber die Möglichkeit, einen Schritt zurückzutreten und die bisherige Selbstverständlichkeit zu unterbrechen.

Wer sagt, dass ich das muss? Was geschieht, wenn ich es nicht tue? Welche Konsequenzen bin ich bereit zu tragen? Welche Aufgabe gehört tatsächlich zu mir? Was tue ich aus Angst, Pflichtgefühl oder Gewohnheit? Was tue ich, weil es meinen Werten entspricht? Und was möchte ich nicht länger übernehmen?

Der Satz „Einen Scheiß muss ich“ ist deshalb für mich keine Aufforderung zur Verantwortungslosigkeit. Er ist der Moment vor der Verantwortung. Der Moment, in dem ich aus dem automatischen Funktionieren heraustrete und mir die Entscheidung zurückhole.

Vielleicht ist mein erinnerter Poesiealbum-Spruch deshalb gar nicht so falsch. Das harte Wort „Du musst“ wird nicht automatisch zu einem schönen Wollen. Aber ich darf prüfen, was ich daraus mache. Manchmal wird daraus „Ich will“. Manchmal „Ich entscheide mich dafür“. Manchmal „Ich erlaube mir etwas anderes“. Und manchmal schlicht und ergreifend: Nein.

Und wie oft musst du?

Achte heute einmal bewusst darauf, wie oft du „Ich muss“ sagst. Mach für jedes Muss einen Strich oder wirf 20 Cent in eine Müssen-muss-Kasse. Und dann schau genauer hin: Was davon musst du wirklich? Was möchtest du? Und was darfst du dir künftig anders erlauben?

Manchmal reicht dieser kleine Stopp. Manchmal braucht es ein Gegenüber, um die alten Pflichten, Erwartungen und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten auseinanderzusortieren. In meinem kostenlosen Kennenlern-Call schauen wir gemeinsam, worum es bei dir geht und ob ein Coaching im Klarplatz sinnvoll sein könnte.

Claudia Stellmacher-Köthe, Coachin und Hypnose-Spezialistin