Vierhaar wirft Begriffe in Kiste

Als ich meine Blogparade zum Thema „Fünf Dinge, Menschen oder Aufgaben, die in meinem Leben weniger werden dürfen“ gestartet habe, hatte ich für meinen eigenen Beitrag zunächst keine fertige Liste. Natürlich gibt es Aufgaben, die ich gern abgeben würde. Dinge, die Platz beanspruchen, obwohl sie längst nicht mehr gebraucht werden. Und vermutlich kennt jede Person Menschen, nach deren Anruf man kurz überlegt, ob ein Umzug ohne Nachsendeadresse nicht doch eine vernünftige Lösung wäre.

Aber darum geht es mir nicht. Ich möchte keine Liste darüber schreiben, wer mich nervt, wer mich enttäuscht hat oder wer aus meinem Leben verschwinden soll. Bei genauerem Hinsehen liegt mein eigentliches Thema ohnehin woanders. Es sind weniger bestimmte Menschen oder Aufgaben, die ich nicht mehr haben möchte. Es sind Rollen, in die ich immer wieder gerate. Oder genauer gesagt: Rollen, die ich selbst oft bereitwillig übernehme, bis ich irgendwann feststelle, dass sie verdächtig dauerhaft geworden sind.

Der rote Faden dabei lautet:

Genau hinschauen, um wessen Zuständigkeit es geht und die eigenen Grenzen berücksichtigen.

Ich kann organisieren, vorausdenken, Verantwortung übernehmen und Dinge zu Ende bringen. Das sind Fähigkeiten, auf die ich nicht verzichten möchte. Sie haben mir beruflich und privat oft geholfen. Sie haben allerdings einen Haken: Wer zuverlässig ist, wird schnell zuständig. Wer mitdenkt, wird irgendwann vorausgesetzt. Und wer oft genug einspringt, wird zur Infrastruktur.

Deshalb dürfen diese fünf Rollen in meinem Leben deutlich kleiner werden.

1. Das menschliche Backup

Es gibt Situationen, in denen mehrere Menschen an einer Sache beteiligt sind. Aufgaben wurden verteilt, Termine vereinbart, Zuständigkeiten eigentlich geklärt. Und trotzdem landet oftmals die Frage bei mir, wie es nun weitergeht. Nicht unbedingt, weil mir jemand die Verantwortung ausdrücklich übertragen hätte. Manchmal reicht es schon, dass ich den Überblick behalte, offene Punkte sehe und ungern dabei zuschaue, wie etwas gegen die Wand fährt.

Also hake ich nach, erinnere, prüfe und rette vielleicht noch schnell, was andere haben liegen lassen. Das funktioniert meistens erstaunlich gut. Genau deshalb ist es ein Problem. Denn aus einer freiwilligen Unterstützung wird schnell eine stillschweigende Zuständigkeit. Andere gewöhnen sich daran, dass am Ende schon jemand aufpasst. Dieser Jemand bin dann gern ich.

Ein Backup zu haben, ist beruhigend. Jemand denkt mit, springt ein und fängt auf, was sonst herunterfallen würde. Im technischen Bereich nennt man das eine gute Absicherung. Im menschlichen Bereich kann daraus eine ziemlich einseitige Konstruktion werden. Wer immer als Backup funktioniert, wird irgendwann nicht mehr gefragt. Die Verfügbarkeit wird einfach einkalkuliert.

Ich möchte künftig früher unterscheiden: Ist das wirklich meine Aufgabe? Habe ich zugesagt, mich darum zu kümmern? Oder halte ich gerade nur deshalb alles zusammen, weil ich es kann und weil es mir schwerfällt, eine Lücke stehen zu lassen?

Nicht jede offene Aufgabe ist eine Einladung an mich. Manches darf liegen bleiben. Manches darf unvollständig sein. Manches darf auch sichtbar scheitern, wenn die dafür verantwortliche Person nichts tut. Das ist keine Härte. Es ist die Rückgabe von Verantwortung an die Person, die es abgesendet hat.

2. Die Wartende auf Selbstverständlichkeiten

Ich kenne Situationen, in denen ich etwas vorbereitet, abgestimmt oder angestoßen habe und anschließend warte. Auf eine Rückmeldung, eine Entscheidung oder wenigstens ein kurzes Zeichen, dass etwas angekommen ist.
Dabei geht es mir nicht um ständige Erreichbarkeit. Menschen haben viel zu tun, und nicht jede Nachricht steht ganz oben auf der Liste. Aber Zusammenarbeit braucht ein Mindestmaß an Resonanz. Wer Zeit, Gedanken und Arbeit investiert, sollte nicht regelmäßig rätseln müssen, ob das Gegenüber überhaupt noch beteiligt ist. Eine kurze Rückmeldung ist keine überschwängliche Dankbarkeit. Sie ist ein Zeichen von Verbindlichkeit.

Was mich daran besonders beschäftigt: Wenn keine Antwort kommt, beginne ich schnell, nach Gründen zu suchen. War mein Vorschlag nicht gut? Habe ich zu viel erwartet? War der Zeitpunkt ungünstig? Damit werde ich nicht nur zur Wartenden. Ich übernehme auch noch die Deutung der Funkstille. Genau das möchte ich nicht mehr. Ich möchte meine Erwartungen klarer benennen, angemessen nachfragen und dann auch loslassen. Nicht jede ausbleibende Antwort braucht eine innere Untersuchungskommission.

Verbindlichkeit kann ich anbieten. Ich kann sie aber nicht für beide Seiten herstellen.

3. Die Erklärerin meiner eigenen Berechtigung

Ich habe viel gelernt, viel gearbeitet und viele Menschen begleitet. Ich kann benennen, was ich tue, weshalb ich es tue und wo die Grenzen meiner Arbeit liegen. Und trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei, innerlich Beweismaterial zusammenzutragen.

Ist meine Arbeit anspruchsvoll genug? Ist Jobcoaching wirklich „richtiges“ Coaching? Habe ich ausreichend Erfahrung? Muss ich meine Qualifikation noch ausführlicher erklären? Sollte ich deutlicher machen, wie viele Stunden, Weiterbildungen und Methoden hinter meiner Arbeit stehen?
Das ist vermutlich nicht nur mein persönliches Thema. In manchen beruflichen Feldern wird viel Energie darauf verwendet, Wert zu behaupten. Titel, Zertifikate, Reichweite und möglichst eindrucksvolle Selbstbeschreibungen sollen signalisieren: Hier spricht jemand, der weiß, was er tut.

Natürlich braucht professionelle Arbeit Qualifikation und nachvollziehbare Standards. Skepsis ist berechtigt, gerade in einer Branche, in der sich manche Menschen nach einem Wochenende und drei Instagram-Kacheln zur Expertin oder zum Experten erklären. Aber irgendwann ist auch genug belegt.

Ich möchte mich nicht mehr vor jeder Person rechtfertigen, die den Wert meiner Arbeit nicht auf Anhieb erkennt. Nicht jeder Mensch muss überzeugt werden. Nicht jedes Urteil ist fachkundig. Und nicht jede Nachfrage verdient eine ausführliche Verteidigungsrede.

Ich darf meine Arbeit erklären. Ich muss nicht meine Existenzberechtigung verhandeln.

4. Die Dolmetscherin für fremde Stimmungen

Eine knappe Nachricht. Eine ausbleibende Antwort. Ein ungewohnter Tonfall. Ein Gesichtsausdruck, der nicht ganz zur Situation passt. Schon beginnt die innere Auswertung: War etwas falsch? Habe ich jemanden verärgert? Habe ich etwas übersehen? War die Situation vielleicht doch nicht so in Ordnung, wie ich dachte?

Ich bin aufmerksam für Zwischentöne. Das ist in meiner Arbeit hilfreich. Es ermöglicht mir, genau zuzuhören, Widersprüche wahrzunehmen und nicht nur auf das Offensichtliche zu reagieren. Aber jede Stärke kann kippen. Aus Aufmerksamkeit wird dann Überwachung. Aus Einfühlung wird Verantwortungsübernahme. Und aus einer fremden Stimmung wird eine Aufgabe, die ich lösen soll, obwohl ich weder ihre Ursache kenne noch dafür zuständig bin.

Nicht jede knappe Antwort enthält eine Botschaft über mich. Nicht jede schlechte Stimmung wurde von mir verursacht. Und selbst wenn eine Person tatsächlich unzufrieden mit mir ist, bleibt es ihre Verantwortung, das angemessen anzusprechen. Ich möchte nicht länger jede Veränderung im Raum zu meiner persönlichen Ermittlungsakte machen. Ich kann aufmerksam bleiben, ohne alles auf mich zu beziehen.

5. Die Coachin, die selbst keine offenen Fragen haben darf

Ich bin Coachin. Das schützt mich nicht vor eigenen Mustern. Es hilft mir lediglich, sie schlechter zu übersehen.

Trotzdem existiert die Vorstellung, dass Menschen in beratenden Berufen ihre eigenen Themen vollständig erledigt haben müssten. Wer andere begleitet, soll souverän, reflektiert und möglichst frei von inneren Widersprüchen sein. Das ist ein verständlicher Wunsch. Niemand möchte sich einer Person anvertrauen, die ihre eigenen ungeklärten Themen ungefiltert in die Arbeit trägt. Aber zwischen professioneller Selbstreflexion und persönlicher Makellosigkeit liegt ein erheblicher Unterschied. Ich halte wenig von einer Coachingwelt, in der Menschen so tun, als hätten sie seit ihrer letzten Fortbildung keine Selbstzweifel, Konflikte oder blinden Flecken mehr.

Natürlich bin auch ich ein Fall für ein Coaching. Ich bin ein Mensch mit Mustern, Erfahrungen, empfindlichen Stellen und gelegentlich erstaunlich beharrlichen inneren Schleifen. Der entscheidende Punkt ist nicht, dass ich all das überwunden habe. Der entscheidende Punkt ist, dass ich verantwortlich damit umgehe.

Meine Klient*innen sind nicht dafür zuständig, mich zu stabilisieren. Sie müssen mir nicht bestätigen, dass ich gut genug bin. Und sie sollen nicht die Folgen meiner ungeklärten Themen tragen. Aber ich muss auch keine Unfehlbarkeit aufführen, um professionell arbeiten zu können.

Ich möchte diese Rolle deshalb ebenfalls loslassen: die Coachin, die immer schon weiter sein muss als alle anderen. Manchmal bin ich weiter. Manchmal stehe ich an einem anderen Punkt. Und manchmal brauche auch ich jemanden, der eine kluge Frage stellt.

Weniger Rolle, mehr Entscheidung

Ich werde vermutlich auch künftig Verantwortung übernehmen, mitdenken und gelegentlich einspringen. Das gehört zu mir. Ich möchte weder gleichgültig noch unzuverlässig werden. Ich will nicht bei jeder Bitte reflexartig die Arme verschränken und erklären, dass das nun wirklich nicht mein Problem sei.

Aber ich möchte genauer hinsehen: Wurde ich überhaupt gefragt? Ist das tatsächlich meine Aufgabe? Gibt es eine Gegenseitigkeit? Was würde passieren, wenn ich es nicht tue? Und helfe ich gerade wirklich oder verhindere ich nur, dass andere ihre eigene Verantwortung übernehmen müssen? Das ist keine große Abrechnung. Auch keine radikale Lebensentrümpelung. Es ist eher eine Neuverhandlung meiner Zuständigkeit.

Ich möchte nicht weniger geben. Ich möchte bewusster entscheiden, was wirklich meines ist.

Denn Verlässlichkeit ist etwas Wertvolles. Sie sollte nur nicht dazu führen, dass man eines Tages feststellt, zur Infrastruktur für das Leben anderer geworden zu sein.

Jetzt bist du dran

Welche fünf Dinge, Menschen, Aufgaben oder Rollen dürfen in deinem Leben weniger werden?

Vielleicht geht es bei dir nicht um radikales Loslassen, sondern um eine Zuständigkeit, eine Erwartung oder eine Gewohnheit, die zu viel Raum bekommen hat.

Schreib deinen eigenen Beitrag zur Blogparade und verlinke ihn unter meinem Aufruf. Oder hinterlasse mir einen Kommentar mit dem Punkt, der dich gerade am stärksten beschäftigt.

Claudia Stellmacher-Köthe, Coachin und Hypnose-Spezialistin