Vierhaar®das mit geballten Fäusten wütend schaut.

Wenn eine Kleinigkeit zu viel ist

Eine unfreundliche Mail. Ein verschobener Termin. Ein Glas, das runterfällt. Eine Maschine, die nicht funktioniert. Von außen betrachtet überschaubar. Innerlich fühlt es sich an wie der letzte Tropfen. Dann liegt die Versuchung nahe, sich selbst zu befragen. Warum bin ich so gereizt? Warum kann ich nicht gelassener reagieren? Warum bringt mich ausgerechnet das aus der Fassung?

Diese Fragen klingen nach Selbstreflexion. Meistens sind sie es nicht. Sie sind Selbstkritik in Frageform. Und sie führen selten irgendwohin, weil sie beim falschen Punkt ansetzen.

Die Warum-Falle

Das Tückische an der Warum-Frage ist, dass sie sich vernünftig anfühlt. Sie suggeriert, dass man sich ernsthaft mit sich auseinandersetzt. Aber was passiert wirklich, wenn wir uns fragen, warum wir so reagiert haben?

Wir suchen nach einer Erklärung, die die Reaktion rechtfertigt oder widerlegt. Meistens finden wir beides nicht. Was wir stattdessen finden: das Gefühl, dass andere in dieser Situation ruhiger geblieben wären. Dass wir überreagiert haben. Dass irgendetwas mit uns nicht stimmt.

Die Warum-Frage zieht uns in eine Bewertungsschleife. Sie macht aus einem Moment der Erschöpfung eine Charakterfrage. Und sie lenkt den Blick genau dorthin, wo er am wenigsten nützt: auf die Reaktion selbst, nicht auf das, was sie ausgelöst hat.

Das ist, als würde man beim Geschirrspüler immer wieder auf die Fehlermeldung starren und sich fragen, warum das Gerät so ein Problem damit hat, das Wasser abzulassen. Die Fehlermeldung ist nicht das Problem. Sie ist der Hinweis auf das Problem.

Die Kleinigkeit ist nicht das Thema

Menschen funktionieren nicht mit unbegrenztem Speicher. Auch Dinge, die wir scheinbar gut bewältigen, brauchen Kraft: Sorgen, Verantwortung, Ungewissheit, Entscheidungen, ständige Erreichbarkeit, das Gefühl, innerlich auf Abruf zu sein.

Vieles davon bleibt unsichtbar, auch vor uns selbst. Wir gehen zur Arbeit, erledigen Termine, führen Gespräche und wirken nach außen völlig normal. Der innere Puffer wird trotzdem kleiner. Bei meinem Geschirrspüler hieß die Fehlermeldung F11. Das Wasser lief nicht mehr ab. Ich habe nicht gefragt, warum der Geschirrspüler so ein Problem damit hat. Ich habe geschaut, was verstopft ist.

Bei Menschen erscheinen Belastungsanzeigen selten so eindeutig. Sie zeigen sich als Gereiztheit, Erschöpfung, Ungeduld oder als überraschend heftige Reaktion auf etwas, das objektiv klein ist. Die Reaktion ist das Signal. Nicht der Fehler. Was typischerweise hinter dem vollen Puffer steckt, ist selten spektakulär. Es ist meistens eine Kombination aus Dingen, die jede für sich genommen handhabbar wäre: eine Situation bei der Arbeit, die schon länger unbefriedigend ist und über die man noch nicht wirklich gesprochen hat. Sorgen um jemanden, die man mit sich trägt, ohne sie laut auszusprechen. Zu wenig Schlaf über zu viele Nächte. Entscheidungen, die anstehen und immer wieder aufgeschoben werden. Das Gefühl, in mehreren Bereichen gleichzeitig gebraucht zu werden, ohne irgendwo wirklich fertig zu werden und dazwischen kaum ein Moment, in dem man einfach nichts leisten muss.

Das alles ist real. Es kostet Kraft, auch wenn es niemand sieht, oft auch man selbst nicht. Jemand, den ich begleitet habe, formulierte es einmal so: Er funktioniere ja. Nur nicht mehr so, wie er das von sich kenne. Kein Ereignis, kein Auslöser, kein Moment, auf den er hätte zeigen können. Einfach zu viel, zu lange, zu still getragen.

Von der Warum-Frage zur Was-Frage

Der erste Schritt heraus aus der Bewertungsschleife ist ein Perspektivwechsel. Weg von der Reaktion, hin zur Ursache.

Die hilfreiche Frage lautet:

Was beansprucht mich gerade, auch wenn man es mir nicht ansieht?

Diese Frage ist kein Freifahrtschein für jede Reaktion. Sie sagt nicht, dass alles in Ordnung war. Aber sie nimmt die Reaktion ernst als Information, nicht als Beweis für ein persönliches Defizit. Wer diese Frage ehrlich beantwortet, stellt oft fest, dass die Gereiztheit nicht aus dem Nichts kommt. Dass da einiges angesammelt ist. Dass der Puffer schon eine Weile kleiner wird, ohne dass man es bewusst wahrgenommen hat. Das allein verschafft manchmal schon ein wenig Luft. Nicht weil sich etwas verändert hätte, sondern weil man aufgehört hat, gegen sich selbst zu arbeiten.

Von der Was-Frage zur Wie-Frage

Erkennen allein entlastet nicht dauerhaft. Der nächste Schritt ist konkreter: Wie kann ich etwas aus dem System nehmen?

Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was die Last eigentlich ausmacht. Denn Entlastung sieht je nach Situation sehr unterschiedlich aus.

Wenn es unerledigte Aufgaben sind, die im Hintergrund Energie ziehen, hilft oft nicht mehr Disziplin, sondern eine ehrliche Entscheidung: Erledige ich das jetzt, oder streiche ich es bewusst. Beides ist möglich. Was nicht funktioniert, ist das endlose Mitschleppen.

Wenn es ein Gespräch ist, das aussteht, ein Konflikt, eine Rückmeldung, eine Grenze, die noch nicht ausgesprochen wurde, dann kostet das Nichtführen dieses Gesprächs meistens mehr Kraft als das Gespräch selbst. Der Gedanke daran taucht immer wieder auf, belegt Raum und löst sich nicht von allein auf.

Wenn es Erreichbarkeit und ständige Verfügbarkeit sind, die zermürben, hilft kein schlechtes Gewissen, sondern eine kleine, konkrete Verabredung mit sich selbst: eine Stunde am Tag, in der das Telefon weggelegt wird. Nicht als große Geste, sondern als wiederholbare Gewohnheit.

Wenn es Sorgen um andere sind, die man still mit sich trägt, kann es entlastend sein, sie auszusprechen, nicht um Lösungen zu finden, sondern einfach damit sie nicht mehr nur im eigenen Kopf existieren. Und manchmal ist es schlicht Schlafmangel, zu wenig Bewegung, zu viel Koffein und zu wenig frische Luft. Das klingt banal. Es ist es nicht. Ein übermüdeter Mensch ist kein schlechterer Mensch, aber ein Mensch mit weniger Puffer.

Entlastung entsteht nicht durch mehr Kontrolle über sich selbst. Sie entsteht, wenn etwas aus dem System herauskommt, das da zu lange geblieben ist, oder das da gar nicht hingehört. Das setzt voraus, dass man überhaupt erst hinschaut. Nicht auf die Reaktion. Auf das, was dahinter liegt. Manchmal braucht es eben keine bessere Selbstbeherrschung. Manchmal braucht es weniger im System, und den Mut, das auch wirklich anzugehen.

Wenn du merkst, dass dein Puffer schon länger kleiner wird und du nicht so recht weißt, wo du anfangen sollst, kann ein Coaching-Gespräch helfen, Klarheit zu bekommen. Nicht um alles auf einmal zu lösen, sondern um den ersten konkreten Schritt zu finden.

Claudia Stellmacher-Köthe, Coachin und Hypnose-Spezialistin

Hier kurz und offiziell: Über Claudia Stellmacher-Köthe

Claudia Stellmacher-Köthe ist Diplom-Pädagogin, Coachin und Hypnose-Spezialistin. Sie betreibt seit 2020 die Praxis Klarplatz in Hannover. Ihr Schwerpunkt liegt auf sinnorientiertem Coaching, Hypnose und der Arbeit mit inneren Widerständen, strukturiert, zugewandt und ohne Heilsversprechen. In ihrem Blog schreibt sie über Coaching, Hypnose und das, was Menschen wirklich bewegt. 2024 erschien ihr Buch Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner), mit kurzen Geschichten, alltagstauglichen Impulsen und ihren handgezeichneten Vierhaar®-Figuren.