„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Diesen Satz habe ich nicht gelernt wie eine Vokabel. Ich habe ihn eingeatmet. Er lag bei uns zu Hause in der Luft wie der Geruch von Sonntagsbraten. Und er wurde nicht als Misstrauen weitergegeben, sondern als Fürsorge. Als Lebensklugheit. Als das, was verantwortungsvolle Menschen eben tun: hinsehen, nachprüfen, sichergehen.
Genau deshalb ist er so hartnäckig. Denn wer kontrolliert, kommt sich dabei ausgesprochen vernünftig vor. Gründlich. Verantwortungsbewusst. Vorausschauend. Wer dagegen nicht kontrolliert, riskiert schnell das Gefühl, unvorsichtig oder sogar nachlässig zu sein.
Hinter diesem Satz steckt für mich noch ein anderer. Einer, der deutlich weniger vernünftig klingt, sobald man ihn einmal ausspricht:
Ich muss alles im Griff haben, sonst geht etwas schief.
Vielleicht kennst du ihn nicht wortwörtlich. Vielleicht zeigt er sich bei dir eher so: Lieber noch einmal nachfragen. Lieber selbst daran denken. Lieber überprüfen, ob alles erledigt wurde. Lieber einen Plan B und sicherheitshalber auch noch einen Plan C haben. Das fühlt sich nach Verantwortung an. Manchmal ist es aber schlicht die Schwierigkeit, Unsicherheit auszuhalten.
Und dann sagt man Dinge wie: „Den Satz habe ich inzwischen ganz gut im Griff.“ Das habe ich neulich tatsächlich gesagt und erst danach gehört, was ich da eigentlich tue: Ich kontrolliere mein Kontrollbedürfnis. Der Satz hatte sich als seine eigene Lösung angeboten und ich war prompt darauf hereingefallen.
Kontrolle hat einen guten Grund
Bevor ich der Kontrolle jetzt sämtliche schlechten Eigenschaften dieser Welt anhänge: Kontrolle ist nicht grundsätzlich ein Problem. Im Gegenteil. Sie ist nützlich. Ich kontrolliere einen Steuerbescheid. Ich prüfe einen Vertrag. Ich schaue nach, ob die Haustür abgeschlossen ist. Ich möchte, dass jemand die Statik eines Gebäudes lieber einmal zu viel als einmal zu wenig überprüft. Kontrolle kann Sicherheit erhöhen. Und sie kann beruhigen.
Genau deshalb hält sich ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis auch so hartnäckig. Wer plant, prüft und sich rückversichert, hat zumindest für einen Moment das Gefühl, etwas gegen die Unwägbarkeit des Lebens tun zu können. Das ist erst einmal ziemlich nachvollziehbar.
Ich halte deshalb auch wenig von dem gut gemeinten Rat: „Du musst einfach mehr loslassen.“ Wer Kontrolle braucht, wird durch die Aufforderung zum Loslassen nicht automatisch entspannter. Im Zweifel hat die Kontrolle irgendwann einmal einen guten Job gemacht. Sie hat geholfen, Fehler zu vermeiden, Verantwortung zu übernehmen oder mit Unsicherheit umzugehen.
Die interessantere Frage ist eine andere: Muss sie diesen Job heute wirklich noch überall machen?
Was Kontrolle kostet
Der Satz „Ich muss alles im Griff haben“ verspricht Sicherheit. Das ist sein stärkstes Verkaufsargument. Nur liefert selbst viel Kontrolle keine vollständige Sicherheit. Sie erzeugt häufig eher das Gefühl, etwas besser im Griff zu haben. Und dieses Gefühl hat einen Preis. Wer alle Fäden in der Hand behalten möchte, muss sie eben auch alle festhalten. Dauerhaft. Kontrolle ist kein Zustand, den man einmal herstellt und dann genießen kann. Sie ist eine Tätigkeit.
Sie kostet Aufmerksamkeit. Sie kostet Energie. Manchmal kostet sie Schlaf. Und sie kann Beziehungen kosten.
Außerdem hat das Leben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an unsere Kontrollpläne zu halten. Nicht alles lässt sich vorhersehen. Nicht jede Entwicklung lässt sich absichern. Und manche Dinge gehen ausgerechnet dort schief, wo vorher niemand wusste, dass es überhaupt etwas zu kontrollieren gibt. Das heißt nicht, dass Kontrolle sinnlos ist. Es heißt nur: Sie kann nicht leisten, was wir manchmal von ihr erwarten.
Der Denkfehler steckt schon in der Formulierung
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ stellt Vertrauen und Kontrolle so gegenüber, als seien sie zwei Enden einer Skala. Auf der einen Seite das etwas naive Vertrauen, auf der anderen die erwachsene, vernünftige Kontrolle. Welche Seite klüger ist, liefert der Satz praktischerweise gleich mit. So einfach ist es aber nicht.
Ich kann jemandem grundsätzlich vertrauen und trotzdem nachfragen. Ich kann Verantwortung abgeben und gleichzeitig vereinbaren, wann wir uns wieder abstimmen. Ich kann etwas überprüfen, ohne meinem Gegenüber grundsätzlich die Kompetenz abzusprechen. Vertrauen bedeutet auch nicht, die Augen zu schließen und zu hoffen, dass schon alles gutgehen wird. Und Kontrolle bedeutet nicht automatisch Misstrauen.
Die entscheidende Frage lautet für mich inzwischen: Kontrolliere ich gerade, weil es sachlich notwendig ist oder weil ich die Unsicherheit schlecht aushalte? Das klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes.
Wo mich Kontrolle am meisten gekostet hat
Am teuersten war mein Kontrollbedürfnis wahrscheinlich in der Erziehung meiner Kinder. Ich habe versucht, ihre schulische Entwicklung im Blick zu behalten. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Sorge. Ich wollte verhindern, dass etwas durchrutscht. Also habe ich nachgefragt, nachgesehen, mitgedacht und erinnert, ironischerweise genau wie meine Eltern damals. Ich hielt das für Unterstützung. Bei meinen Kindern kam irgendwann etwas anderes an. Nicht: „Meine Mutter interessiert sich für mich.“ Sondern eher: „Meine Mutter traut mir offenbar nicht zu, dass ich das allein hinbekomme.“
Und das war ein Problem. Ich wollte mit meiner Kontrolle Schwierigkeiten verhindern. Tatsächlich entstand dadurch etwas, das ich überhaupt nicht gewollt hatte: Widerstand und Distanz. Das ist eine unangenehme Erkenntnis, weil gute Absichten daran nichts ändern.
Entscheidend ist eben nicht nur, was ich mit meinem Verhalten meine. Entscheidend ist auch, was beim anderen ankommt.
Vertrauen ist auch eine Botschaft an den anderen
Dieser Gedanke beschäftigt mich bis heute. Vertrauen ist nicht nur etwas, das mir selbst das Leben leichter macht. Vertrauen ist auch etwas, das ich einem anderen Menschen gebe. Wenn mir jemand etwas zutraut und sich nicht ständig rückversichert, steckt darin eine Botschaft: Ich glaube, dass du das kannst.
Das kann unglaublich stärkend sein. Umgekehrt transportiert häufiges Kontrollieren ebenfalls eine Botschaft. Vielleicht nicht die, die ich senden wollte, aber möglicherweise die, die ankommt: Ich bin nicht sicher, ob du das (allein) schaffst. Meine Kinder haben diese Nachricht sehr viel früher verstanden als ich.
Natürlich gilt auch hier: Nicht jede Nachfrage ist Misstrauen. Nicht jede Kontrolle ist übergriffig. Beziehungen sind komplizierter als solche einfachen Gleichungen. Aber es lohnt sich, gelegentlich zu prüfen, welche Botschaft das eigene Verhalten eigentlich mitsendet.
Als ich den Satz umgedreht habe
Irgendwann habe ich den bekannten Satz einfach andersherum gesagt:
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.
Und erstaunlicherweise war das für mich nicht nur ein anderer Gedanke. Verstanden hatte ich längst, dass ich nicht alles kontrollieren kann. Ich hätte vermutlich schon Jahre vorher einen einigermaßen vernünftigen Vortrag darüber halten können.
Aber dieser umgedrehte Satz fühlte sich anders an. Ich merkte körperlich, wie etwas nachließ. Meine Brust wurde weiter, die Anspannung geringer. Für einen Moment war da nicht die Aufgabe, irgendetwas im Griff behalten zu müssen. Das fand ich bemerkenswert. Denn wir können etwas intellektuell längst verstanden haben und trotzdem nach einem alten Muster handeln.
Genau das begegnet mir auch in meiner Arbeit immer wieder. Menschen wissen häufig ziemlich genau, dass ein bestimmtes Verhalten sie anstrengt oder ihnen nicht guttut. Sie haben es analysiert, verstanden und möglicherweise schon hundertmal beschlossen, es künftig anders zu machen. Nur folgt aus Verstehen nicht automatisch Veränderung. Zwischen „Ich weiß es“ und „Ich kann anders handeln“ liegt manchmal ein erstaunlich langer Weg.
Wenn Kontrolle keine Entscheidung mehr ist
Der entscheidende Punkt ist für mich nicht, wie viel ein Mensch kontrolliert. Sondern ob er noch entscheiden kann, wann Kontrolle sinnvoll ist.
Denn genau da wird aus einem nützlichen Werkzeug ein Muster. Ich kann einen Vertrag zweimal lesen, weil viel davon abhängt. Ich kann nachfragen, weil eine Information fehlt. Ich kann überprüfen, weil ein Fehler unangenehme Folgen hätte. Daran ist nichts problematisch.
Etwas anderes ist es, wenn die Kontrolle automatisch anspringt. Wenn ich noch einmal nachfrage, obwohl die Sache längst geklärt ist. Wenn ich Aufgaben wieder an mich ziehe, weil ich nervös werde, sobald jemand anderes sie übernimmt. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe und trotzdem weiter darüber nachdenke, ob sie wirklich richtig war.
Dann geht es häufig gar nicht mehr um die Sache selbst. Dann geht es darum, das unangenehme Gefühl von Unsicherheit möglichst schnell wieder loszuwerden. Und vielleicht ist genau das die Stelle, an der Vertrauen beginnen kann. Nicht als Gegenstück zur Verantwortung und auch nicht als Aufforderung, einfach lockerzulassen. Sondern als Fähigkeit, eine gewisse Unsicherheit stehen zu lassen, ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen.
Und wenn Kontrolle wirklich notwendig ist?
Vielleicht hast du beim Lesen gedacht: Schön und gut, aber in meiner Situation brauche ich Kontrolle tatsächlich. Kann sein. Es gibt genug Situationen, in denen Kontrolle vernünftig und notwendig ist. Nicht jedes Kontrollbedürfnis ist ein Glaubenssatz. Nicht jedes Loslassen ist klug. Interessanter wird es dort, wo objektiv gar keine weitere Kontrolle notwendig wäre und trotzdem Unruhe entsteht.
Wenn ein anderer Mensch etwas übernimmt. Wenn eine Entscheidung gefallen ist. Wenn du auf eine Antwort warten musst. Wenn du nicht wissen kannst, wie etwas ausgehen wird. Dann zeigt sich häufig, ob hinter der Kontrolle vielleicht doch der alte Satz sitzt:
Ich muss alles im Griff haben, sonst geht etwas schief. Vielleicht ist dann nicht die nächste Kontrolle interessant, sondern eine andere Frage: Was würde passieren, wenn ich an genau dieser Stelle ein kleines bisschen weniger kontrolliere? Nicht alles. Nicht sofort. Und schon gar nicht blind. Nur ein kleines bisschen.
Kontrolle und Hypnose
Das Thema begegnet mir auch bei Menschen, die über Hypnose nachdenken. Manche sagen sehr klar: „Ich kann nicht loslassen.“ Oder: „Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren.“ Dabei bedeutet Hypnose keineswegs, willenlos zu werden oder die Kontrolle abzugeben (hier kannst du mehr dazu lesen). Du schläfst nicht einfach weg, bist nicht ausgeliefert und tust auch nichts gegen deinen Willen.
Trotzdem finde ich diese Sorge interessant, weil sie häufig über die Hypnose hinausweist. Wie gut kann ich damit leben, nicht jeden Moment vollständig zu steuern? Wie fühlt es sich an, mich auf einen Prozess einzulassen, ohne vorher jeden einzelnen Schritt zu kennen? Und kann ich erleben, dass weniger Kontrolle nicht automatisch weniger Sicherheit bedeutet?
Dabei geht es für mich nicht darum, Kontrolle „wegzumachen“. Das wäre schon wieder ein ziemlich kontrollierendes Vorhaben. Es geht darum, mehr Möglichkeiten zu bekommen.
Die Lösung ist nicht: mehr Vertrauen um jeden Preis
Ich halte nichts davon, Kontrolle einfach zum Feind zu erklären und Vertrauen zum neuen Pflichtprogramm zu machen. Dann hätten wir nur einen Glaubenssatz gegen den nächsten ausgetauscht. Die sinnvollere Lösung besteht für mich darin, genauer unterscheiden zu können. Kontrolle, wenn sie notwendig ist. Vertrauen, wenn sie es nicht ist. Und die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, wenn weder Kontrolle noch Vertrauen garantieren können, wie eine Sache ausgeht.
Denn genau das gehört zum Leben dazu. Vielleicht beginnt Vertrauen deshalb gar nicht mit einem großen Sprung ins Ungewisse. Vielleicht beginnt es mit einem kleinen Versuch. Einen Faden aus der Hand geben. Nicht sofort nachfragen. Jemanden eine Sache auf die eigene Art erledigen lassen. Eine Entscheidung treffen und sie danach nicht noch fünfmal überprüfen.
Und dann feststellen: Die Welt ist nicht auseinandergefallen.
Wenn dein Kopf längst Bescheid weiß
Vielleicht weißt du längst, dass du nicht alles kontrollieren kannst. Und vielleicht merkst du trotzdem, dass dein inneres System ständig auf Absicherung besteht.
Dann kann genau das ein Thema für Coaching oder Hypnose sein. Nicht mit dem Ziel, Kontrolle grundsätzlich abzuschaffen. Sondern damit du wieder entscheiden kannst, wann sie sinnvoll ist und wann du sie nicht mehr brauchst.
Denn Kontrolle ist gut. Manchmal sogar unverzichtbar. Aber Vertrauen kann etwas, was Kontrolle niemals kann: dem anderen und manchmal auch dir selbst zutrauen, dass es auch ohne ständige Absicherung geht.



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