Gezeichnetes Vierhaar mit fragendem Gesichtsausdruck hält ein großes rotes Fragezeichen in der Hand. Um die Figur herum stehen mehrere grüne Ausrufezeichen, die Unsicherheit, Fragen und den Umgang mit Nichtwissen symbolisieren.

Inkompetenzkompensationskompetenz. Allein das Wort ist schon eine kleine Zumutung. Man muss kurz Luft holen, bevor man es ausspricht. Dabei bezeichnet es eine Fähigkeit, die erstaunlich nützlich ist: kompetent mit der eigenen Inkompetenz umzugehen.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Kompetenz soll doch gerade bedeuten, dass jemand etwas kann. Wer eine Sache nicht beherrscht, ist auf diesem Gebiet eben inkompetent. Das ist allerdings weder ungewöhnlich noch ehrenrührig. Kein Mensch kann alles wissen, alles verstehen und alles beherrschen. Problematisch wird Inkompetenz erst dann, wenn sie nicht erkannt, verleugnet oder durch großspuriges Auftreten ersetzt wird.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Bin ich kompetent oder inkompetent? Sondern: Was mache ich, wenn meine Kompetenz nicht ausreicht?

Inkompetenz ist kein Charakterfehler

Wir verwenden das Wort „inkompetent“ meistens als Abwertung. Wer als inkompetent bezeichnet wird, hat versagt, ist ungeeignet oder hat keine Ahnung. Dabei beschreibt Inkompetenz zunächst nur eine Grenze: Jemand verfügt in einem bestimmten Bereich nicht über das notwendige Wissen oder Können. Ich bin zum Beispiel inkompetent, wenn es um die Reparatur einer Heizungsanlage geht. Das macht mich nicht zu einem unfähigen Menschen. Es wäre allerdings ziemlich unfähig, wenn ich deshalb wahllos an Leitungen und Ventilen herumschrauben würde.
Inkompetenzkompensationskompetenz beginnt genau an diesem Punkt. Ich erkenne, dass mein Wissen nicht reicht. Ich verschaffe mir Informationen, frage nach, hole fachliche Unterstützung oder überlasse die Aufgabe jemandem, der sie tatsächlich beherrscht.

Das ist keine Schwäche. Das ist vernünftige Selbststeuerung.

Das Gegenteil von Allwissenheit

Kompetente Menschen wissen nicht unbedingt mehr als alle anderen. Sie können häufig besser einschätzen, wo ihr Wissen endet. Sie unterscheiden zwischen dem, was sie sicher wissen, dem, was sie vermuten, und dem, was sie erst klären müssen.

Diese Unterscheidung ist im Alltag ausgesprochen wertvoll. Sie schützt vor Fehlentscheidungen, vor Selbstüberschätzung und vor unnötigem Aktionismus. Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass man trotz fehlender Kenntnisse handlungsfähig bleibt.

Inkompetenzkompensationskompetenz kann deshalb ganz unterschiedlich aussehen. Jemand stellt gute Fragen, obwohl die eigene Fachkenntnis begrenzt ist. Eine Führungskraft bezieht Personen ein, die mehr von einer Sache verstehen. Eine Selbstständige erkennt, dass sie für eine rechtliche oder steuerliche Frage professionelle Unterstützung benötigt. Eine Coachin versucht nicht, jede Schwierigkeit selbst zu lösen, sondern kennt die Grenzen des eigenen Arbeitsfeldes.

Es geht nicht darum, alles zu können. Es geht darum, mit dem eigenen Nichtkönnen verantwortungsvoll umzugehen.

Vier Stufen der Kompetenz

Das bekannte Vier-Stufen-Modell der Kompetenzentwicklung beschreibt, wie Menschen neue Fähigkeiten erwerben.

Am Anfang steht die unbewusste Inkompetenz. Ich kann etwas nicht und weiß noch nicht einmal, was mir fehlt. Danach folgt die bewusste Inkompetenz. Ich erkenne, dass ich etwas nicht kann. Das fühlt sich oft unangenehm an, ist aber ein wichtiger Fortschritt. Erst jetzt kann Lernen beginnen.

Auf der dritten Stufe entsteht bewusste Kompetenz. Ich beherrsche etwas, muss mich dabei jedoch noch konzentrieren. Mit wachsender Erfahrung wird daraus unbewusste Kompetenz. Die Fähigkeit ist so selbstverständlich geworden, dass viele Abläufe automatisch funktionieren.

Interessant ist vor allem die zweite Stufe. Die bewusste Inkompetenz hat keinen besonders guten Ruf. Schließlich wird uns dort deutlich, was wir alles noch nicht können. Genau hier entsteht aber die Möglichkeit, angemessen zu reagieren. Wer die eigene Grenze erkennt, kann lernen, delegieren, nachfragen oder sich absichern.

In diesem Sinne ist bewusste Inkompetenz keine peinliche Zwischenstation. Sie ist die Voraussetzung für Inkompetenzkompensationskompetenz.

SABA ist etwas anderes

SABA steht für „selbstbewusstes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit“. Der Begriff ist komisch, weil fast alle sofort eine Person vor Augen haben. Trotzdem sollte man SABA nicht mit Inkompetenzkompensationskompetenz verwechseln.

Bei SABA wird fehlendes Wissen durch Wirkung ersetzt. Unsicherheit wird nicht bearbeitet, sondern überspielt. Eine Behauptung wird nicht richtiger, nur weil sie laut und entschieden vorgetragen wird. Selbstbewusstsein kann Kompetenz sichtbar machen. Es kann aber ebenso gut Kompetenz vortäuschen.

Inkompetenzkompensationskompetenz arbeitet anders. Sie braucht keine Show. Sie besteht gerade darin, eine Wissenslücke zu erkennen und sinnvoll damit umzugehen. Wer diese Fähigkeit besitzt, kann durchaus selbstbewusst auftreten. Dieses Selbstbewusstsein beruht jedoch nicht auf der Behauptung, alles zu wissen. Es beruht auf dem Vertrauen, auch mit unbekannten oder schwierigen Situationen umgehen zu können.

Der Unterschied lässt sich auf einen einfachen Satz bringen:

SABA kaschiert das Nichtwissen. Inkompetenzkompensationskompetenz organisiert es.

Und dann gibt es noch das Impostor-Erleben

Auf der anderen Seite stehen Menschen, die über Wissen, Erfahrung und Fähigkeiten verfügen, ihre eigene Kompetenz aber nicht richtig anerkennen können. Sie halten Erfolge für Zufall, fürchten, irgendwann aufzufliegen, und zweifeln an sich, obwohl es dafür objektiv wenig Anlass gibt.

Das Impostor-Erleben und SABA wirken deshalb beinahe wie Gegenpole. Die einen können etwas und zweifeln. Die anderen wissen wenig und treten sehr sicher auf.

Inkompetenzkompensationskompetenz liegt dazwischen. Sie verlangt weder Selbstverkleinerung noch Selbstüberschätzung. Sie braucht eine einigermaßen realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Das klingt einfacher, als es ist. Denn dafür muss ich sowohl anerkennen, was ich kann, als auch akzeptieren, was ich nicht kann. Beides kann unbequem sein.

Wer sich ständig unterschätzt, übernimmt womöglich keine Verantwortung, obwohl die Kompetenz vorhanden wäre. Wer sich ständig überschätzt, übernimmt Verantwortung, obwohl die notwendige Kompetenz fehlt. Eine realistische Selbsteinschätzung verhindert beides.

Gute Fragen sind manchmal wichtiger als schnelle Antworten

In vielen Situationen wird Kompetenz mit der Fähigkeit verwechselt, sofort eine Antwort zu liefern. Nachdenken wirkt zögerlich. Nachfragen wirkt unsicher. Ein klares „Das weiß ich nicht“ kann schnell als Schwäche gelesen werden.

Das ist kurzsichtig.

Eine schnelle Antwort ist nicht automatisch eine gute Antwort. Und jemand, der sofort auf alles eine Meinung hat, ist nicht zwangsläufig besonders kompetent. Oft zeigt sich Kompetenz gerade darin, eine Frage offen zu halten, Zusammenhänge zu prüfen und andere Perspektiven einzubeziehen.

Gute Fragen können deshalb ein wesentlicher Teil der Inkompetenzkompensationskompetenz sein:

Was weiß ich tatsächlich?

Was nehme ich nur an?

Welche Informationen fehlen?

Wer kennt sich damit besser aus?

Welche Folgen hätte eine falsche Entscheidung?

Diese Fragen machen einen Menschen nicht kleiner. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende eine tragfähige Entscheidung entsteht.

Die gesunde Mitte

Natürlich lässt sich auch die Inkompetenzkompensationskompetenz missbrauchen. Wer jede Aufgabe weiterreicht, jede Entscheidung absichert und sich hinter Fachleuten versteckt, kompensiert nicht mehr, sondern entzieht sich der Verantwortung.

Es reicht also nicht, die eigenen Grenzen zu kennen. Man muss auch bereit sein, sich Wissen anzueignen, Entscheidungen zu treffen und die Folgen des eigenen Handelns zu tragen.

Die gesunde Mitte lautet deshalb nicht: Ich kann es nicht, also bin ich nicht zuständig.

Sie lautet: Ich kann es nicht ausreichend, deshalb kläre ich, was nötig ist, um verantwortungsvoll weiterzukommen.

Das ist eine stille Form von Kompetenz. Sie wirkt weniger spektakulär als SABA und ist nach außen manchmal kaum sichtbar. Dafür ist sie belastbarer.

Ich muss nicht alles können

Vielleicht liegt die größte Stärke der Inkompetenzkompensationskompetenz darin, dass sie entlastet. Ich muss nicht in jedem Bereich Expertin sein. Ich muss nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben. Ich muss meine Wissenslücken weder verstecken noch zum persönlichen Makel erklären.

Ich sollte allerdings wissen, wie ich mit ihnen umgehe.

Echte Kompetenz bedeutet nicht, niemals ratlos zu sein. Sie zeigt sich darin, die eigene Ratlosigkeit wahrzunehmen, einzuordnen und daraus einen sinnvollen nächsten Schritt zu entwickeln.

Oder kürzer:

Ich weiß nicht alles. Aber ich weiß, was ich tue, wenn ich etwas nicht weiß.

Wenn du merkst, dass du dich beruflich oder persönlich oft zwischen Selbstzweifel und Überforderung bewegst, kann ein Blick von außen hilfreich sein. Im Coaching sortieren wir gemeinsam, was wirklich zu dir gehört, wo deine Kompetenz längst sichtbar ist und wo du Unterstützung brauchst.

Nicht, um alles perfekt zu machen. Sondern um klarer zu handeln.

Claudia Stellmacher-Köthe, Coachin und Hypnose-Spezialistin

Hier kurz und offiziell: Über Claudia Stellmacher-Köthe

Claudia Stellmacher-Köthe ist Diplom-Pädagogin, Coachin und Hypnose-Spezialistin. Sie betreibt seit 2020 die Praxis Klarplatz in Hannover. Ihr Schwerpunkt liegt auf sinnorientiertem Coaching, Hypnose und der Arbeit mit inneren Widerständen, strukturiert, zugewandt und ohne Heilsversprechen. In ihrem Blog schreibt sie über Coaching, Hypnose und das, was Menschen wirklich bewegt. 2024 erschien ihr Buch Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner), mit kurzen Geschichten, alltagstauglichen Impulsen und ihren handgezeichneten Vierhaar®-Figuren.