Ein Hinweis zur Sprache:
Die Überschriften dieses Artikels sind bewusst deutlich formuliert. Nicht, weil ich Sorgen oder Belastungen kleinreden möchte, sondern weil manchmal ein klares Wort besser trifft als eine weichgespülte Formulierung.Zwei gezeichnete Vierhaare: Eines hält dem anderen freundlich einen dampfenden Kackhaufen hin, das zweite reagiert sichtbar unwohl.

Die Scheiße der anderen

In meinem Artikel „The Power of Scheiße“ ging es um die Geschichten, die wir uns selbst über unser Leben erzählen. Um dieses kleine „wieder“ in Sätzen wie „Mal sehen, was heute wieder kommt“. Und um die Frage, wie viel Mühsal tatsächlich da ist und wie viel wir durch unsere eigene Kommentierung noch hinzufügen.

Aber was ist eigentlich, wenn es gar nicht die eigene Geschichte ist?

Eine Klientin erzählte mir einmal von einem Telefonat mit einem Menschen, der ihr nahestand. Es war kein Streit gewesen. Es war auch nichts Dramatisches passiert. Der andere Mensch hatte ihr einfach erzählt, was gerade alles schwierig war. Ausführlich. Was nicht funktionierte. Wer sich wieder unmöglich verhalten hatte. Worüber man sich Sorgen machen musste. Was wahrscheinlich als Nächstes schiefgehen würde. Meine Klientin hatte zugehört.

Und irgendwann sagte sie einen Satz, den ich interessant fand: „Vor dem Telefonat ging es mir eigentlich gut.“ Danach nicht mehr.

Wenn schlechte Stimmung Gesellschaft bekommt

Wir beeinflussen einander. Wenn jemand gut gelaunt einen Raum betritt, merken wir das. Wenn jemand angespannt ist, merken wir es meistens ebenfalls. In Familien, Partnerschaften und Teams entwickeln sich Stimmungen ohnehin nicht unabhängig voneinander. Und natürlich dürfen Menschen schlechte Laune haben. Sie dürfen klagen, Angst haben, verzweifelt sein und auch eine ganze Weile nicht besonders zuversichtlich in die Welt schauen.

Manche Lebensphasen sind tatsächlich schwer.

Interessant wird es dort, wo aus „Mir geht es gerade schlecht“ allmählich „Alles ist schlecht“ wird. Wenn nicht mehr über ein konkretes Problem gesprochen wird, sondern jedes Ereignis zuverlässig in dieselbe Erzählung einsortiert wird.

  • Das Wetter ist schlecht.
  • Die Arbeit nervt.
  • Die Nachbarin sowieso.
  • Der Termin morgen wird bestimmt furchtbar.

Und wenn gerade ausnahmsweise nichts passiert ist, lässt sich immerhin schon einmal darüber nachdenken, was als Nächstes passieren könnte. Die Frage ist nicht, ob jemand so empfinden darf. Die Frage ist, was passiert, wenn wir diese Geschichte ständig mithören.

Mitgefühl braucht keine gemeinsame Weltsicht

Wenn es einem Menschen, der mir nahesteht, schlecht geht, möchte ich das ernst nehmen. Ich möchte zuhören und aushalten können, dass gerade keine gute Stimmung herrscht. Aber muss ich deshalb dieselbe Bewertung der Welt übernehmen? Ich glaube nicht. Trotzdem kann das leicht passieren. Man hört eine Weile zu. Die Unterhaltung dreht noch eine Runde. Und noch eine. Dasselbe Problem wird aus einer anderen Richtung betrachtet und landet zuverlässig am selben Punkt.

Irgendwann stellt man fest, dass man selbst bedrückt, gereizt oder erschöpft ist. Nicht unbedingt wegen des Problems. Sondern, weil man eine Stunde lang gemeinsam darum herumgelaufen ist.

Nicht jede Klage sucht eine Lösung

Gerade Menschen, die gern helfen, kennen wahrscheinlich noch eine weitere Variante. Jemand erzählt von einem Problem und im eigenen Kopf geht sofort die kleine Problemlösungsabteilung an die Arbeit. Was könnte man tun? Mit wem müsste man sprechen? Was wäre eine Alternative? Wie könnte man das anders betrachten?
Das kann sehr hilfreich sein, wenn die andere Person tatsächlich nach einer Lösung sucht. Manchmal sucht sie aber gar keine. Manchmal möchte ein Mensch klagen. Oder bestätigt bekommen, dass die Lage wirklich unerträglich ist. Oder einfach immer wieder dieselbe Schleife drehen. Auch das darf sein. Nur muss ich nicht jede Runde mitlaufen. Für mich hat das mit der Frage zu tun, wofür ich verantwortlich bin und wofür nicht.

  • Ich kann zuhören.
  • Ich kann fragen.
  • Ich kann unterstützen.
  • Ich kann vielleicht sogar etwas ganz praktisch tun.

Aber ich kann einem anderen Menschen seine Haltung zum eigenen Leben nicht abnehmen.

Die Scheiße der anderen bleibt trotzdem nicht auf deren Seite

Es wäre praktisch, wenn wir einfach feststellen könnten: „Das ist dein Problem“ und innerlich vollkommen unberührt blieben, aber so funktionieren Beziehungen nicht. Wenn jemand, mit dem ich viel Zeit verbringe, dauerhaft gereizt, pessimistisch oder sorgenvoll ist, macht das etwas mit mir. Erst recht, wenn mir dieser Mensch wichtig ist. Dann können ziemlich unangenehme Fragen auftauchen. Zum Beispiel:

  • Darf ich gute Laune haben, wenn es dir schlecht geht?
  • Darf ich mich auf etwas freuen?
  • Darf ich einen schönen Tag haben, obwohl deiner gerade keiner ist?
  • Darf ich irgendwann sagen, dass ich jetzt nicht weiter über dieses Problem sprechen möchte?

Ich finde: ja. Nicht aus Gleichgültigkeit. Zwei Menschen brauchen nicht denselben emotionalen Zustand, um miteinander verbunden zu sein.

Vielleicht ist Abgrenzung das falsche Wort

Mit „Abgrenzung“ kann ich nicht besonders viel anfangen, wenn damit eine unsichtbare Mauer gemeint ist, an der die Gefühle anderer Menschen gefälligst abprallen sollen. Das halte ich für unrealistisch und auch nicht für wünschenswert. Wenn mir jemand wichtig ist, berührt mich, wie es diesem Menschen geht. Die interessantere Frage ist deshalb nicht: Wie schaffe ich es, dass die Negativität anderer nichts mehr mit mir macht?

Sondern:

Wie kann ich mitfühlen, ohne die Weltsicht eines anderen zu meiner eigenen zu machen?

Das kann bedeuten, nicht bei jeder Katastrophenprognose einzusteigen. Nicht jede Beschwerde weiterzudenken. Nicht sofort eine Lösung finden zu wollen. Und manchmal auch ganz schlicht zu sagen: „Ich verstehe, dass dich das gerade beschäftigt. Ich möchte jetzt trotzdem über etwas anderes sprechen.“

Das ist keine therapeutische Meisterleistung. Es ist ein Satz.

Wann ist es eigentlich meins geworden?

Im ersten Artikel ging es um kleine Wörter wie „wieder“, „immer“, „bestimmt“, „schon wieder“ und „typisch“. Wörter, mit denen wir aus einzelnen Ereignissen ziemlich schnell eine große Geschichte machen können.

Bei der Scheiße der anderen lohnt sich ein anderer Blick:

Wann fange ich an, die Geschichte eines anderen Menschen mitzuerzählen?

Wann denke ich plötzlich selbst: „Das wird bestimmt schwierig“, obwohl ich das eine Stunde vorher noch gar nicht gedacht habe? Wann beschäftige ich mich mit einem Problem, das gar nicht meines ist? Wann fühle ich mich verantwortlich dafür, dass jemand anderes wieder besser gelaunt ist? Und wann habe ich eigentlich aufgehört, meinen eigenen Tag zu haben?

Diese Fragen sind nicht dazu da, andere Menschen auf Abstand zu halten. Sie können aber dabei helfen, den eigenen Tag wiederzubekommen. So wie die Klientin, der es vor diesem Telefonat eigentlich gut ging. „Ich kann verstehen, dass dein Leben sich für dich gerade schwer anfühlt.“, „Ich kann bei dir sein.“, „Ich kann dir zuhören.“

Trotzdem darf mein Tag ein guter bleiben.

Wo endet eigentlich deine Verantwortung?

Vielleicht kennst du das: Jemandem in deinem Umfeld geht es schlecht und irgendwann bist du nicht mehr nur mitfühlend, sondern fühlst dich auch verantwortlich. Für die Stimmung. Für eine Lösung. Dafür, dass es dem anderen wieder besser geht.

Im Coaching können wir uns anschauen, warum du diese Verantwortung so schnell übernimmst und was tatsächlich zu dir gehört. Nicht mit dem Ziel, andere Menschen auf Abstand zu halten, sondern damit du deinen eigenen Tag behalten kannst.

„Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner)“ ist ein Buch mit Gedanken aus dem echten Leben – pointiert, manchmal schräg, manchmal ernst. Und natürlich mit den Vierhaaren, die das alles aufs Wesentliche runterbrechen. Es geht um das, was uns beschäftigt, ohne dass wir immer drüber sprechen. Um Alltag, Zweifel und die Frage, wie man dem Leben mit ein bisschen mehr Klarheit begegnet.

Wenn dich interessiert, wie das Buch entstanden ist – ganz ohne Plan, aber mit viel Sturheit – dann kommt hier die Geschichte dahinter: Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner): Wie mein Skript den Weg aus der Schublade fand – und nicht zurückdurfte

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Hier kurz und offiziell: Über Claudia Stellmacher-Köthe

Claudia Stellmacher-Köthe ist Diplom-Pädagogin, Coachin und Hypnose-Spezialistin. Sie betreibt seit 2020 die Praxis Klarplatz in Hannover. Ihr Schwerpunkt liegt auf sinnorientiertem Coaching, Hypnose und der Arbeit mit inneren Widerständen, strukturiert, zugewandt und ohne Heilsversprechen. In ihrem Blog schreibt sie über Coaching, Hypnose und das, was Menschen wirklich bewegt. 2024 erschien ihr Buch Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner), mit kurzen Geschichten, alltagstauglichen Impulsen und ihren handgezeichneten Vierhaar®-Figuren.