Ein Hinweis zur Sprache:
Die Überschriften dieses Artikels sind bewusst deutlich formuliert. Nicht, weil ich Sorgen oder Belastungen kleinreden möchte, sondern weil manchmal ein klares Wort besser trifft als eine weichgespülte Formulierung.
Vor einiger Zeit saß eine Klientin bei mir, die mir ziemlich ausführlich erzählte, wie anstrengend ihr Leben gerade war. Es gab viel zu tun, einiges zu organisieren, Menschen, die etwas von ihr wollten, und ein paar Dinge, über die sie sich Sorgen machte. Nichts davon war erfunden. Sie hatte tatsächlich eine Menge auf dem Zettel.
Irgendwann fragte ich sie, wie sie morgens eigentlich in den Tag startet. Sie dachte kurz nach und sagte sinngemäß: „Ich überlege eigentlich sofort, was heute wieder alles auf mich zukommt.“ Dieses „wieder“ fand ich interessant.
Der Tag hatte zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nichts gemacht. Niemand hatte angerufen, keine schlechte Nachricht war eingetroffen, kein Termin schiefgegangen. Und trotzdem stand er schon unter einem gewissen Generalverdacht.
Wie viel Mühsal ist tatsächlich da?
Es gibt Zeiten, in denen das Leben anstrengend ist. Menschen werden krank. Beziehungen geraten in Schieflage. Die Arbeit wächst einem über den Kopf. Rechnungen kommen meistens zuverlässig auch dann, wenn man sie gerade überhaupt nicht gebrauchen kann. Manchmal passiert auch einfach eine Menge Mist auf einmal. Ich halte wenig davon, darauf mit positivem Denken zu reagieren. Wer ernsthafte Sorgen hat, braucht keinen Hinweis darauf, dass andere Menschen es noch schlechter haben. Und ein „Du musst nur deine Einstellung ändern“ gehört für mich ohnehin in die große Tonne der wenig hilfreichen Ratschläge.
Mich interessiert eine andere Frage:
Wie viel Mühsal ist tatsächlich da und wie viel Mühsal erzeugen wir zusätzlich durch die Geschichte, die wir uns den ganzen Tag darüber erzählen?
Denn zu dem, was passiert, kommt häufig noch ein laufender Kommentar. Das fängt manchmal schon morgens an.
- „Mal sehen, was heute wieder kommt.“
- „Das kann ja heiter werden.“
- „Heute wird bestimmt wieder so ein Tag.“
- „Ich weiß jetzt schon, dass das nicht klappt.“
- „Immer ist irgendwas.“
Keiner dieser Sätze verändert die Wirklichkeit. Aber sie verändern, wie wir sie wahrnehmen.
Unser Gehirn hört schließlich mit
Wenn ich davon ausgehe, dass der Tag schwierig wird, werde ich Hinweise darauf finden. Die rote Ampel passt ins Bild. Die unfreundliche Mail auch. Der Mensch vor mir an der Supermarktkasse braucht unfassbar lange. Natürlich. War ja klar.
Dass jemand anderes mir die Tür aufgehalten hat, der Kaffee gut war, ich bei einem Problem schneller weitergekommen bin als gedacht und die Sonne zehn Minuten lang auf meinen Schreibtisch geschienen hat, schafft es dagegen vielleicht nicht in meine Tagesbilanz.
Nicht, weil ich hoffnungslos pessimistisch bin. Sondern, weil Wahrnehmung selektiv ist. Wir nehmen nicht alles gleich stark wahr. Erwartungen beeinflussen, worauf wir achten und wie wir Ereignisse einordnen.
Das funktioniert übrigens auch nicht einfach umgekehrt. Wer morgens begeistert verkündet, dass heute der schönste Tag überhaupt wird, bekommt deshalb weder automatisch einen freien Parkplatz noch eine unerwartete Steuererstattung.
Darum geht es nicht.
„Das ist gerade schwer“ ist etwas anderes als „Das Leben ist schwer“
Diesen Unterschied finde ich wichtig. „Das ist gerade schwer“ beschreibt eine Situation. „Das Leben ist schwer“ erzählt eine Geschichte und Geschichten haben eine bemerkenswerte Ausdauer. Vor allem, wenn wir sie oft genug wiederholen. Vielleicht kennen wir solche Sätze schon sehr lange. Aus unserer Familie zum Beispiel. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ohne Fleiß kein Preis. Von nichts kommt nichts. Da muss man durch. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof.
Anstrengung genießt ohnehin einen bemerkenswert guten Ruf. Wer sich richtig abmüht, hat sich etwas verdient. Wer etwas mit Leichtigkeit schafft, gerät dagegen schnell in den Verdacht, es sich ein bisschen zu einfach zu machen. Dabei ist schwer nicht automatisch wertvoller. Leicht ist nicht automatisch oberflächlich.
Manchmal ist leicht einfach nur leichter.
Die Mühsal macht Überstunden
Damit wären wir beim etwas unfeinen Titel dieses Artikels. Scheiße hat nämlich durchaus Power. Nicht nur dann, wenn tatsächlich etwas Schlimmes passiert. Sondern auch, wenn wir dem Schwierigen sehr viel Raum geben. Wenn wir es morgens begrüßen, tagsüber kommentieren und abends noch einmal ausführlich Bilanz darüber führen. Dann hat die Mühsal einen ziemlich beeindruckenden Arbeitstag hinter sich. Und vielleicht sogar Überstunden gemacht, für die sie niemand bestellt hat.
Das bedeutet nicht, dass wir Schwierigkeiten ignorieren sollen. Im Gegenteil. Ein konkretes Problem lässt sich viel besser betrachten, wenn es nicht gleichzeitig als Beweis dafür herhalten muss, dass sowieso alles furchtbar ist. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Problem und Mühsal.
Ein Problem möchte gelöst werden. Mühsal kann zu einer Lebenshaltung werden.
Ein kleines Wort mit ziemlich viel Wirkung
Ich musste nach dem Gespräch mit meiner Klientin noch eine Weile über dieses „wieder“ nachdenken. Solche kleinen Wörter sind interessant.
Wieder. Immer. Bestimmt. Schon wieder. Typisch.
Man muss daraus keine Übung machen und schon gar keine neue Morgenroutine. Aber man kann sich gelegentlich selbst zuhören. Nicht, um jeden negativen Gedanken sofort durch einen positiven zu ersetzen. Sondern um überhaupt mitzubekommen, welche Geschichte man sich gerade erzählt. Denn zwischen „Heute stehen drei unangenehme Termine an“ und „Das wird wieder ein furchtbarer Tag“ liegt ein Unterschied. Die drei Termine sind da. Der furchtbare Tag ist zunächst einmal eine Prognose.
Vielleicht schauen wir erst einmal, was passiert
Ich glaube nicht daran, dass wir uns die Welt schön denken können. Aber ich glaube auch nicht, dass wir verpflichtet sind, sie uns vorsorglich schwer zu denken. Vielleicht braucht es morgens deshalb gar keine Affirmation. Kein Dankbarkeitstagebuch. Keine fünf Punkte umfassende Morgenroutine und auch kein strahlendes „Heute wird großartig!“, wenn einem gerade überhaupt nicht danach ist.
Vielleicht reicht etwas viel Unspektakuläreres:
Der Tag hat gerade erst angefangen.
Ich weiß noch nicht, wie er wird und vielleicht lasse ich ihn erst einmal machen, bevor ich ihm erzähle, wie scheiße er ist.
Noch mehr davon?
Manchmal erzählen wir uns die Mühsal nicht selbst. Manchmal bekommen wir sie von anderen Menschen mitgeliefert. Darum geht es im Schwesterartikel „Die Scheiße der anderen“.
„Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner)“ ist ein Buch mit Gedanken aus dem echten Leben – pointiert, manchmal schräg, manchmal ernst. Und natürlich mit den Vierhaaren, die das alles aufs Wesentliche runterbrechen. Es geht um das, was uns beschäftigt, ohne dass wir immer drüber sprechen. Um Alltag, Zweifel und die Frage, wie man dem Leben mit ein bisschen mehr Klarheit begegnet.
Wenn dich interessiert, wie das Buch entstanden ist – ganz ohne Plan, aber mit viel Sturheit – dann kommt hier die Geschichte dahinter: Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner): Wie mein Skript den Weg aus der Schublade fand – und nicht zurückdurfte



Ein sehr guter Artikel, vielen Dank.