Beim Aufräumen tauchen manchmal Dinge auf, von denen man nicht einmal mehr wusste, dass man sie noch besitzt.
Bei mir war es vor Kurzem ein kleiner Holzkreisel.
Er lag ganz hinten in einer Schublade. Dort muss er sehr lange gelegen haben. Jahrzehnte vermutlich. Dabei kenne ich ihn, seit ich denken kann. Er gehörte einfach zu unserer Familie.
Es ist kein besonders spektakulärer Gegenstand. Ein kleiner Kreisel aus Holz, auf dessen Seiten verschiedene Antworten stehen:
Wenn nicht, bist du schuld.
Ganz bestimmt.
Du kannst es erzwingen.
Ändere dich, dann ja.
Ich möchte es bezweifeln.
Ich glaube ja.
Früher war dieser Kreisel für mich ein Orakel.
Ich stellte ihm Fragen und drehte ihn.
Und natürlich hoffte ich auf die richtige Antwort.
Bitte sag mir, wie es ausgeht
Das Prinzip war denkbar einfach: Frage stellen, Kreisel drehen, Antwort lesen. Als Kind fand ich die Vorstellung ziemlich großartig, dass dieser kleine Gegenstand vielleicht ein bisschen mehr wusste als ich. Vielleicht konnte er mir einen winzigen Blick in die Zukunft erlauben.
Manchmal gefiel mir seine Antwort. Manchmal überhaupt nicht. Dann war das Orakel plötzlich weniger überzeugend. Das ist vermutlich schon der erste interessante Punkt. Wenn wir eine vermeintliche Vorhersage nur dann überzeugend finden, wenn sie unseren Erwartungen entspricht, wissen wir möglicherweise längst mehr über unsere Wünsche, als wir glauben. Damals hätte ich das natürlich nicht so formuliert. Damals war ich schlicht enttäuscht, wenn der Kreisel etwas Falsches sagte. Irgendwann verschwand er in einer Schublade. Und jetzt ist er wieder da und ich schaue heute vollkommen anders auf ihn.
Der Kreisel hat sich nicht verändert
Das Interessante an solchen alten Gegenständen ist manchmal weniger, was sie über die Vergangenheit erzählen, sondern was sie über die Gegenwart sichtbar machen. Der Kreisel ist noch derselbe, die Antworten sind dieselben.
Aber ich bin es nicht.
Heute sehe ich keinen Gegenstand mehr vor mir, der mir sagen könnte, wie meine Zukunft aussieht. Ich sehe ein ziemlich brauchbares kleines Reflexionsinstrument. Kein Orakel, sondern als Beispiel dafür, wie Zufall als Entscheidungshilfe funktionieren kann.
Denn diese sechs Sätze haben eine besondere Eigenschaft: Sie stellen Behauptungen auf die teilweise schon übergriffig, zumindest aber dreist daherkommen.
„Wenn nicht, bist du schuld.“ Danke auch.
„Du kannst es erzwingen.“ Kann ich vielleicht. Aber will ich das?
„Ändere dich, dann ja.“ Warum eigentlich ich?
Der Kreisel argumentiert nicht. Er erklärt nichts. Er stellt einfach etwas in den Raum und das kann eine Grundlage für etwas wirklich Interessantes werden, denn der alte Kreisel provoziert eine Reaktion.
Was sage ich zu dem, was der Kreisel sagt?
Angenommen, ich beschäftige mich mit einer beruflichen Entscheidung. Ich frage: Soll ich mich selbstständig machen? Der Kreisel dreht sich. Und bleibt liegen bei:
Ich möchte es bezweifeln.
Jetzt könnte ich sagen: Na gut. Dann eben nicht. Damit hätte ich dem kleinen Holzkreisel erstaunlich viel Macht übertragen. Ich könnte aber auch spontan denken: warum eigentlich nicht?
Und plötzlich bin ich mitten in einer Auseinandersetzung. Was spricht denn konkret dagegen? Was spricht dafür? Warum ärgert mich diese Antwort? Welche Argumente fallen mir sofort ein, um dem Kreisel zu widersprechen? Vielleicht merke ich dabei, dass ich längst viel entschiedener bin, als ich dachte. Der Kreisel hat mir dann nichts über meine berufliche Zukunft verraten. Aber möglicherweise etwas über meine Haltung dazu, was mir deutlich brauchbarer erscheint.
Widerstand ist eine Information
Im Coaching beschäftigen wir uns häufig mit Resonanz. Was spricht mich an? Was fühlt sich passend an? Wobei merke ich Zustimmung? Mindestens genauso interessant finde ich allerdings den Widerstand.
Nein!
So stimmt das für mich nicht!
Einspruch!
Wir betrachten Widerstand schnell als etwas, das überwunden werden müsste. Dabei kann er ausgesprochen präzise sein, denn wo Widerstand ist, kann eine Grenze sein oder ein verletzter Wert. Vielleicht erinnert uns der Widerstand an eine Erfahrung, die wir fast schon vergessen hatten. Manchmal versteckt sich hinter ihm eine Meinung, die bisher noch nicht besonders deutlich formuliert war.
Nehmen wir als Beispiel die Antwort:
Ändere dich, dann ja.
Vielleicht löst dieser Satz sofort Ärger aus. Dann wäre es ziemlich kurz gedacht, daraus zu schließen: Aha, da wehrt sich jemand gegen Veränderung. Vielleicht steckt etwas ganz anderes dahinter. Vielleicht kennt die Person seit Jahren eine solche oder ähnliche Botschaft, abwertend und verletzend:
Du bist das Problem.
Du musst dich anpassen.
Du musst dich ändern, damit es funktioniert.
Dann kann der spontane Widerstand gegen den Satz etwas ausgesprochen Gesundes haben:
Nein. Diesmal nicht.
Das ist keine Blockade. Das ist eine Position.
Manche Antworten sind gerade deshalb gut, weil sie schlecht sind
Aus heutiger Sicht finde ich einige Sätze auf diesem Kreisel herrlich autoritär. Wenn nicht, bist du schuld. Was für eine Behauptung. Sie vermischt Verantwortung und Schuld, ignoriert äußere Umstände und tut so, als hätten wir die Welt vollständig unter Kontrolle. Aus Coaching-Sicht bietet gerade so ein Satz jede Menge Material.
- Bin ich wirklich schuld, wenn etwas nicht funktioniert?
- Wofür trage ich Verantwortung?
- Was kann ich beeinflussen?
- Was liegt außerhalb meines Einflusses?
- Übernehme ich vielleicht regelmäßig Verantwortung für Dinge, die gar nicht meine sind?
- Oder schiebe ich Verantwortung gelegentlich nach außen, obwohl ich durchaus etwas verändern könnte?
So kann eine einzige schlechte Behauptung eine Menge guter Fragen in sich tragen, wenn wir uns die Mühe machen, in uns hineinzuhören. Das macht für mich den Wert dieses Kreisels aus: Er gibt keine klugen Antworten, aber er kann sie provozieren.
Vielleicht brauchen wir manchmal ein Gegenüber, dem widersprochen werden darf
Wenn wir lange über eine Entscheidung nachdenken, entsteht leicht eine Gedankenschleife, denn wir kennen unsere Argumente, Zweifel und Einwände. Es ist alles schon mehr als fünfmal durchdacht und wir stecken trotzdem fest.
Dann kann etwas Zufälliges hilfreich sein. Nicht, weil der Zufall recht hätte. Sondern, weil plötzlich eine Behauptung von außen kommt.
Ganz bestimmt. Wirklich?
Du kannst es erzwingen. Will ich das?
Ich glaube ja. Warum erleichtert mich das gerade?
Ich möchte es bezweifeln. Warum macht mich das wütend?
Plötzlich reagieren wir auf etwas, anstatt dieselben Gedanken noch einmal im eigenen Kopf zu sortieren. Und diese Reaktion kann erstaunlich aufschlussreich sein.
Zufall als Entscheidungshilfe: Die eigentliche Frage kommt danach
Wenn ich heute mit diesem Kreisel arbeiten würde, wäre das Drehen deshalb nur der Anfang. Danach kämen Fragen wie: Was war deine erste Reaktion auf die Antwort? Hat sie dich erleichtert oder geärgert? Möchtest du ihr zustimmen oder widersprechen? Was genau stimmt daran für dich nicht? Welche Antwort hättest du dir gewünscht? Warum wäre gerade diese Antwort angenehmer gewesen? Was würdest du dem Kreisel antworten?
Und vielleicht die wichtigste: Was weißt du jetzt über deine eigene Haltung, was dir vor dem Drehen noch nicht so deutlich war?
Damit verändert sich die Funktion vollständig. Aus dem Orakel wird ein Gegenüber. Ein ziemlich schlichtes, manchmal reichlich unverschämtes Gegenüber aus Holz, das ganz schön nützlich sein kann.
Kein Kreisel zur Hand? Ein Würfel tut es auch
Natürlich liegt vermutlich nicht bei allen Leser*innen zufällig ein jahrzehntealter Familienkreisel in der hintersten Schublade. Ein normaler Würfel reicht vollkommen.
Ordne den sechs Zahlen einfach die sechs Aussagen meines Kreisels zu:
- Wenn nicht, bist du schuld.
- Ganz bestimmt.
- Du kannst es erzwingen.
- Ändere dich, dann ja.
- Ich möchte es bezweifeln.
- Ich glaube ja.
Dann nimm eine konkrete Frage, die dich tatsächlich beschäftigt. Keine Wissensfrage, sondern eine Frage, bei der es um eine Entscheidung, einen Wunsch oder deine eigene Haltung geht.
Zum Beispiel:
- Soll ich mich auf diese Stelle bewerben?
- Will ich dieses Projekt wirklich weiterführen?
- Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Veränderung?
Dann würfle.
Und jetzt kommt der wichtige Teil: Glaube dem Würfel nicht. Beobachte stattdessen deine Reaktion auf seine Behauptung. Willst du sofort widersprechen? Bist du erleichtert? Denkst du: „Genau!“? Oder ärgerst du dich über die Antwort?
Dann bleib genau dort und frage weiter: Warum?
Nicht der Würfel kennt die Antwort, aber vielleicht bringt sein zufälliger Satz dich dazu, deine eigene Antwort oder die Idee dahinter klarer zu formulieren.
Ein altes Familienorakel bekommt einen neuen Job
Ich bin ziemlich froh, dass ich den Kreisel beim Aufräumen nicht einfach aussortiert habe. Früher wollte ich von ihm wissen, was passieren wird. Heute interessiert mich etwas anderes. Was passiert in mir, wenn er etwas behauptet? Zustimmung, Widerspruch, womöglich Empörung, was löst er in mir aus? Vielleicht bringt er mich auf die Fährte dessen, was vorher noch nicht greifbar war. Eine Entscheidung, ein Wunsch, eine Grenze, eine Idee oder gar eine Befürchtung.
Oder einfach der Satz: Nein. So sehe ich das nicht.
Auch das kann eine ziemlich wertvolle Erkenntnis sein. Der Kreisel weiß schließlich auch nicht, wie es ausgeht. Aber manchmal weiß ich nach dem Drehen ein bisschen mehr als vorher.



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