
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir in den 90er-Jahren in bestimmten Fragen klarer waren als heute.
1992 habe ich in einem Notrufverein für vergewaltigte Frauen und Mädchen mitgearbeitet. Wir haben feministisch gearbeitet. Hintergrundarbeit. Analyse. Öffentlichkeitsarbeit. Es ging nicht um Selbstoptimierung. Es ging um Strukturen, um Macht und um Verantwortung. Feminismus war für mich nie ein Lifestyle. Er war eine Analyseperspektive. Und vielleicht ist genau das der Punkt, der mir heute wieder wichtiger wird.
Macht ist heute auch Infrastruktur
Wir diskutieren Gleichstellung, Sichtbarkeit und Sprache. Gleichzeitig entstehen technologische Infrastrukturen, die Diskurse filtern, Inhalte priorisieren und Wissen strukturieren. Plattformen wie OpenAI, Meta und Google prägen längst, was sichtbar wird, wie Informationen gewichtet werden und welche Narrative Reichweite bekommen.
Technologie ist nicht neutral. Sie ist trainiert. Mit Daten. Und Daten sind nie neutral.
Historische Datensätze spiegeln gesellschaftliche Realitäten. Diese Realitäten sind nicht gleich verteilt. Bestimmte Gruppen sind überrepräsentiert, andere unterrepräsentiert. Bestimmte Perspektiven wurden dokumentiert, andere systematisch übersehen.
Wenn Systeme auf solchen Daten aufbauen, reproduzieren sie bestehende Verzerrungen. Nicht aus Bosheit, sondern aus Struktur. Bias ist kein Bedienfehler. Bias ist häufig ein Spiegel historischer Machtverhältnisse.
Wenn algorithmische Systeme in Bewerbungsverfahren, Kreditvergaben, medizinischer Forschung oder Content-Selektion eingesetzt werden, wird gesellschaftliche Schieflage technologisch skaliert. Je technischer Macht organisiert ist, desto leichter wirkt sie objektiv. Algorithmen erscheinen neutral, Daten sachlich, automatisierte Entscheidungen rational. Doch sie beruhen auf Auswahl, Gewichtung und Annahmen, die immer in gesellschaftliche Kontexte eingebettet sind.
Sprache, Aufmerksamkeit und die Nebelkerze
Ich bin eine klare Vertreterin des Genderns. Sprache ist kein Detail. Sie strukturiert Wahrnehmung. Wer sprachlich nicht vorkommt, wird schneller übersehen. Gerade deshalb sehe ich die aktuelle Zuspitzung der Genderdebatte kritisch.
Die Diskussion ist hoch emotionalisiert. Sie wird als Kulturkampf inszeniert und bindet enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Während über Satzzeichen gestritten wird, verschieben sich an anderer Stelle Machtachsen.
Technologische Systeme entscheiden zunehmend darüber, was sichtbar wird, welche Inhalte Reichweite bekommen und welche Perspektiven dominant erscheinen. Und diese Systeme basieren auf historischen Daten, die gesellschaftliche Ungleichheiten längst enthalten. Wenn öffentliche Energie in orthografischen Auseinandersetzungen gebunden wird, fehlt sie an anderer Stelle. Die Analyse algorithmischer Entscheidungslogiken ist komplexer, weniger emotionalisierbar und strukturell relevanter.
Genau darin liegt für mich die Nebelkerze. Nicht, weil Sprache unwichtig wäre, sondern weil strukturelle Macht heute zunehmend technisch organisiert ist und diese Ebene im öffentlichen Diskurs erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Wenn Struktur zum Selbstzweifel wird
Diese Fragen sind nicht abstrakt. Sie sitzen mir im Coachingraum gegenüber.
Eine Klientin bekommt keine Rückmeldung auf Bewerbungen. Ein Profil wird online kaum gesehen. Ein Vorschlag wird im Meeting übergangen. Die erste Erklärung ist fast immer Selbstzweifel. „Vielleicht war ich nicht gut genug.“ „Vielleicht hätte ich mich klarer positionieren müssen.“ „Vielleicht hätte ich souveräner auftreten sollen.“
Natürlich schauen wir auf Strategie, Kommunikation und Klarheit. Aber ich stelle auch andere Fragen. In welchem System bewegen Sie sich gerade? Wer definiert die Bewertungsmaßstäbe? Welche Annahmen wirken im Hintergrund mit?
Wenn algorithmische Systeme vorsortieren, wenn Datenmuster Karrieren normieren, wenn Sichtbarkeit technisch gesteuert wird, dann ist nicht jede Absage ein persönliches Urteil. Struktur wird internalisiert. Sie wird zu Selbstzweifel.
Coaching heißt für mich deshalb, sauber zu unterscheiden, was in der eigenen Verantwortung liegt und was Teil eines größeren Gefüges ist. Diese Unterscheidung schafft Handlungsfähigkeit. Ohne Selbstabwertung. Ohne Systemblindheit.
Humanismus als Haltung
Ich habe mich immer Feministin genannt. Nicht gegen Männer und nicht aus Ideologie, sondern aus Überzeugung. Für mich war Feminismus nie etwas anderes als angewandter Humanismus. Die konsequente Bereitschaft, Macht zu hinterfragen, damit Würde nicht verhandelbar wird.
Das betrifft Frauen. Das betrifft Männer. Das betrifft alle, die in Systemen leben, die Entscheidungen strukturieren.
Weltfrauentag ist für mich deshalb kein Ritual. Er ist eine Erinnerung, nicht nur zu fragen, wer sichtbar ist, sondern wer die Bedingungen gestaltet, unter denen Sichtbarkeit entsteht. Und nicht nur an Individuen zu arbeiten, sondern Macht auch dort zu analysieren, wo sie sich als Technik tarnt.
„Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner)“ ist ein Buch mit Gedanken aus dem echten Leben – pointiert, manchmal schräg, manchmal ernst. Und natürlich mit den Vierhaaren, die das alles aufs Wesentliche runterbrechen. Es geht um das, was uns beschäftigt, ohne dass wir immer drüber sprechen. Um Alltag, Zweifel und die Frage, wie man dem Leben mit ein bisschen mehr Klarheit begegnet.
Wenn dich interessiert, wie das Buch entstanden ist – ganz ohne Plan, aber mit viel Sturheit – dann kommt hier die Geschichte dahinter: Einfacher wird es nicht (aber vielleicht schöner): Wie mein Skript den Weg aus der Schublade fand – und nicht zurückdurfte

[…] Weltfrauentag 2026: Wer gestaltet die Infrastruktur der Zukunft? […]