Warum viele ihre Kompetenzen unterschätzen  und wie sich der Blick darauf verändern lässt

In meiner Coachingpraxis sitzen immer wieder Menschen über 50, die nach vielen Jahren in einem Unternehmen plötzlich wieder Bewerbungen schreiben müssen. Die Ausgangssituation ist fast immer ähnlich: lange Berufserfahrung, stabile Erwerbsbiografie, viel Verantwortung im Arbeitsalltag – und gleichzeitig große Unsicherheit, sobald es um Bewerbungen geht.

Ein Satz fällt dabei besonders häufig:
„Ich habe seit zwanzig oder dreißig Jahren keinen Lebenslauf mehr geschrieben.“

Und genau so sehen die Lebensläufe oft auch aus.

Der Lebenslauf aus einer anderen Zeit

Viele bringen zum ersten Termin einen Lebenslauf mit und sagen: „Ich habe hier schon einmal etwas vorbereitet.“ Wenn man ihn anschaut, merkt man sofort, wie lange die letzte Bewerbung zurückliegt. Die beruflichen Stationen sind aufgeführt, darunter stehen Tätigkeiten wie „zuständig für“, „bearbeitet“ oder „unterstützt“. Über Kompetenzen steht dort meist wenig.

Das ist kein Fehler der Menschen. Bewerbungen waren früher tatsächlich häufig so aufgebaut. Heute erwarten Unternehmen jedoch etwas anderes. Sie wollen erkennen können, welchen konkreten Beitrag jemand leisten kann.

Im Coaching gehen wir deshalb Schritt für Schritt durch die berufliche Biografie. Wir schauen genauer hin: Welche Aufgaben gab es wirklich? Wo lag Verantwortung? Welche Situationen haben den Arbeitsalltag geprägt?

Dabei wird oft sichtbar, dass hinter scheinbar nüchternen Tätigkeitsbeschreibungen sehr viel mehr steckt.

Wenn Erfahrung plötzlich sichtbar wird

Viele Menschen beschreiben ihre Laufbahn zunächst über ihre Positionen. Sie sagen zum Beispiel: „Ich war lange im Einkauf“ oder „Ich habe in der Sachbearbeitung gearbeitet.“

Wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Hinter diesen Rollen stehen oft ganz konkrete Kompetenzen: Abläufe strukturieren, zwischen Abteilungen vermitteln, Lieferanten verhandeln, Projekte koordinieren oder Prozesse stabil halten, wenn es im Betrieb schwierig wird.

Diese Fähigkeiten sind für viele selbstverständlich geworden. Genau deshalb tauchen sie im Lebenslauf häufig gar nicht auf.

Der Moment, in dem der Lebenslauf stimmt

Ein interessanter Moment entsteht meist am Ende dieses Prozesses. Wenn der überarbeitete Lebenslauf fertig vorliegt, lesen viele ihn noch einmal ruhig durch. Dann kommt oft ein Satz wie: „Ja, so stimmt das.“

Das ist kein spektakulärer Moment. Aber ein wichtiger. Der Lebenslauf ist dann nicht mehr nur eine Liste von Tätigkeiten, sondern eine nachvollziehbare Darstellung der eigenen beruflichen Geschichte. Viele sagen danach ganz ruhig: „Damit kann ich rausgehen.“

Und genau das verändert etwas. Nicht nur das Dokument, sondern auch die Haltung.

Ein typisches Missverständnis bei der Jobsuche

Ein zweites Thema taucht fast immer auf, wenn Menschen nach vielen Jahren wieder auf Jobsuche sind. Sie suchen zunächst sehr eng. In Jobbörsen geben sie ihre alte Berufsbezeichnung ein und wundern sich, dass nur wenige passende Stellen erscheinen.

Im Coaching beginnen wir dann, Alternativbegriffe zu sammeln und angrenzende Tätigkeiten mitzudenken. Oft zeigt sich schnell, dass ähnliche Aufgaben in Stellenausschreibungen ganz anders bezeichnet werden.Mit dieser erweiterten Suche tauchen plötzlich Stellen auf, die vorher gar nicht sichtbar waren. Der Arbeitsmarkt hat sich nicht verändert. Der Blick darauf hat sich erweitert.

Motivation statt Rückzug

Eine Beobachtung aus meiner Praxis widerspricht übrigens einem verbreiteten Vorurteil. Menschen über 50 wollen in der Regel nicht weniger arbeiten. Im Gegenteil. Ich erlebe viele hoch motivierte Menschen, die noch einmal richtig in eine Aufgabe einsteigen möchten.

Wenn jemand mit 58 eine neue Stelle antritt, können das noch viele Jahre bis zum Ende des Berufslebens sein. Eine lange Zeit für ein Unternehmen, das Stabilität und Erfahrung schätzt. Viele meiner Klientinnen und Klienten wünschen sich genau das: eine Aufgabe, die sie mit Engagement bis zum Ende ihres Berufslebens ausfüllen können.

Vierhaar-Figur mit einer geöffneten Schatzkiste als Symbol für verborgene Kompetenzen im Lebenslauf

Der eigentliche Perspektivwechsel

Im Coaching entsteht deshalb oft ein Gedanke, der vieles verändert.

Viele Menschen über 50 müssen sich beruflich nicht neu erfinden. Sie müssen lernen, ihre vorhandenen Kompetenzen in neuen Kontexten zu erkennen.

Statt ausschließlich nach der alten Position zu suchen, wird sichtbar, wo die eigenen Fähigkeiten auch in anderen Rollen gebraucht werden können. Manchmal liegt die nächste berufliche Chance näher, als man denkt. Sie wird nur erst sichtbar, wenn die eigene Erfahrung nicht mehr nur als Abfolge von Tätigkeiten betrachtet wird, sondern als das, was sie tatsächlich ist: ein über viele Jahre gewachsener Kompetenzschatz.

Du stehst gerade selbst an einem ähnlichen Punkt in deinem Berufsleben?
Manchmal hilft ein klarer Blick von außen, um die eigene Erfahrung neu zu sortieren und berufliche Möglichkeiten wieder sichtbar zu machen.
Wenn du darüber sprechen möchtest, melde dich gern bei mir.

Claudia Stellmacher-Köthe, Coachin und Hypnose-Spezialistin

Hier kurz und offiziell: Über Claudia Stellmacher-Köthe

Claudia Stellmacher-Köthe ist Coachin und Hypnotiseurin und betreibt seit 2020 die Praxis Klarplatz in Hannover – einen geschützten Raum für alle, die mehr Sinn, Klarheit und Leichtigkeit in ihrem Leben suchen. Mit einem Diplom in Pädagogik und fundierten Weiterbildungen – darunter Hypnose Master Coachin, EMDR und Yager-Code – verbindet sie sinnorientiertes Coaching mit Hypnose, um Resilienz zu stärken, alte Muster zu lösen und persönliche Ziele zu erreichen. Ihr Ansatz ist ethisch, transparent und tiefgehend, dabei immer mit einer warmen, humorvollen und lösungsorientierten Haltung. Neben ihrer Arbeit als Coachin und Referentin inspiriert sie durch ihren Blog und ihr 2024 erschienenes Buch, das zur Selbstreflexion und Potenzialentfaltung einlädt.